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„Wir zeichnen ganz explizit
Qualität im Netz aus“

Am 19. Juni werden in der Kölner Flora die Grimme Online Awards verliehen. Ausgezeichnet werden maximal acht hochwertige Online-Angebote aus vier Kategorien, hinzu kommt der Publikumspreis. Die Preisträger werden – anders als beim Grimme-Preis – tatsächlich erst während der Veranstaltung bekanntgegeben. Wir sprachen mit Vera Lisakowski, der Wettbewerbsleiterin des Grimme Online Award.

 

Welche Trends beobachten Sie in der Online-Welt?
Podcast sind ein Trend, nach wie vor. Sie gibt es zwar schon ewig, seit ein paar Jahren sind sie allerdings verstärkt im Wettbewerb vertreten. Das muss sich nicht immer unbedingt in der Zahl der Nominierungen ausdrücken; wir merken an der Zahl der Einreichungen, dass es immer mehr und mehr werden. Viele Trends springen aber vielleicht auch gar nicht so ins Auge.
 

Woran denken Sie da?
Zum Beispiel an die Entwicklung, dass nicht mehr nur auf einem Kanal kommuniziert wird, sondern dass man bei vielen Angeboten die Parallelkommunikation in den sozialen Netzwerken mitbetrachten muss. Früher hat man sich ein Angebot unter einer Internetadresse angeschaut, heute muss man immer gucken, was passiert noch bei Instagram, was geschieht bei Facebook, was läuft bei Twitter? Das ist bei sehr vielen Angeboten tatsächlich ein elementarer Bestandteil.

Gibt es da tatsächlich einen Mehrwert?
Auf jeden Fall. Aus vielen Angeboten entsteht erst im Zusammenspiel mit der Community etwas Neues. Beim Podcast „Rice and Shine“ zum Beispiel entstehen aus den Diskussionen bei Instagram oft die Themen für die neuen Folgen. Oder „#ALS und andere Ansichtssachen“ ist eigentlich ein Blog mit sehr langen Einträgen. Der Macher, Christian Bär, hat aber selbst ALS und kann deshalb nur mit Augensteuerung schreiben, so dass er eher selten schreibt. Dazwischen bleibt er dann über Facebook und Instagram mit seinen Followern in Kontakt und lässt sie ziemlich direkt am Leben mit der Krankheit teilhaben. Dass sich da regelrechte Communitys bilden, halte ich auch noch aus einem anderen Grund für ganz wichtig: Viele Anbieter produzieren ihre Angebote in der Freizeit und bekommen dafür kein Geld. Dafür bekommen sie aber die Liebe der Community. Wenn es die nicht gäbe, würden sie wahrscheinlich irgendwann aufhören. Niemand sendet gerne ins Leere.

Inwieweit kann die Community helfen, die Angebote profitabel zu machen?
Die Krautreporter zum Beispiel sind als Community-Projekt aus dem Crowdfunding heraus entstanden. Bei ihnen sind die Leser keine Abonnenten, sondern Mitglieder, die einen nicht sehr hohen Beitrag bezahlen und mit den Autoren und den anderen Lesern in Kontakt treten können. Mit diesem Modell können sich die Krautreporter wohl ganz gut tragen. Die Registrierung läuft über Steady, einen Dienstleister, der verschiedene Abo-Modelle anbietet und damit zur Finanzierung journalistischer Projekte wie zum Beispiel auch Übermedien beiträgt.

Welche Entwicklungen haben Sie noch beobachtet?
In den Videos hat sich eine ganz eigene Ästhetik entwickelt, die teilweise jetzt auch in Fernsehinhalten übernommen wird, etwa die Art, wie Grafiken über das Bild gelegt werden. In den Podcasts gibt es eine gewisse Audioästhetik, eine gewisse Machart, die man jetzt auch häufiger in Hörfunk-Features hört.

Was meinen Sie damit?
Das Erzählerische, das Subjektive. Wenn Sie Hörfunkfeatures hören, werden Sie feststellen, dass die Autoren mehr von sich und ihren persönlichen Geschichten erzählen als früher.

Welche Auswirkungen hat so eine Nominierung oder ein Preis eigentlich für die jeweiligen Angebote?
Die Klickzahlen gehen kurzfristig hoch, und sicherlich bleiben da auch ein paar Leute hängen. Was aber noch wichtiger ist, ist die Vorbildfunktion beziehungsweise das Renommee bei den Kollegen. Wenn man nominiert wurde, ist es zum Beispiel in großen Häusern einfacher, ein Folgeprojekt durchzubekommen. Man kann sich immer wieder auf die Nominierung oder den Preis berufen und bekommt dadurch dauerhaft Anerkennung. Meiner Erfahrung nach ist es aber nicht möglich, eine Nominierung oder einen Preis langfristig in riesige Klickzahlen oder direkt in finanzielle Erträge umzuwandeln. Dazu sind wir auch zu sehr Nische.

Inwieweit?
Wir zeichnen ganz explizit Qualität im Netz aus. Und was objektiv betrachtet qualitativ richtig gut ist, hat selten eine herausragende Quote, das kennen wir vom Grimme-Fernsehpreis. Es ist aber auch nicht so, dass bei uns prinzipiell nur Sachen ausgezeichnet oder nominiert werden, die sich niemand anguckt. Ganz im Gegenteil. Im vergangenen Jahr hat zum Beispiel die Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim mit maiLab einen Preis gewonnen, und die erreicht mit ihren qualitativ hochwertigen YouTube-Videos über Wissenschaftsthemen durchaus ein ziemlich großes Publikum. Klar ist aber auch: An die Follower-Zahl von Bibis Beauty Palace wird sie höchstwahrscheinlich nicht drankommen.

 

Wie sorgen Sie dafür, dass tatsächlich nur Qualität ausgezeichnet wird?
Die Nominierungskommission und die Preisträger-Jury bestehen aus jeweils sieben Experten, die komplett unabhängig an die Sache gehen, sie müssen also keine Quoten erfüllen oder so. Wir legen auch Wert darauf, beide Kommissionen interdisziplinär zusammenzusetzen, also Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen zu rekrutieren. Dadurch bekommen wir ganz verschiedene Betrachtungsweisen. Natürlich wollen wir wissen, wie Journalisten ein journalistisches Angebot bewerten. Uns interessiert aber auch der Blick eines Experten, der aus einem anderen Gebiet kommt, eine andere Perspektive einnimmt und vielleicht auch zu einem anderen Urteil kommt, das er dann natürlich auch begründet. Dabei ist uns ganz wichtig, dass sich die Gremien auch wirklich ganz offline treffen, damit eine echte Diskussion über die einzelnen Angebote entstehen kann. Eine reine Online-Abstimmung zum Beispiel würde niemals zu einem gleich guten Ergebnis führen.

Wie kommt es eigentlich, dass der Grimme Online Award in Köln verliehen wird?
Das liegt zum einen daran, dass die Preisverleihung viele Jahre lang mit dem Medienforum NRW verbunden war, das ja in Köln stattgefunden hat. Zum anderen hat sich Köln aber auch einfach als guter Ort herausgestellt. Die Stadt unterstützt uns mit einer kleinen Summe, und auch inhaltlich funktioniert diese Verbindung sehr gut. Köln ist schließlich ein wichtiger Medienstandort.