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Eric Pfeil ©Alfred Jansen

„Man zahlt drauf, und zwar massiv“

2013 machte der in Bergisch-Gladbach geborene und in Köln lebende Musiker, Journalist und Autor Eric Pfeil seinen Traum wahr und brachte bei dem traditionsreichen Label Trikont mit 44 Jahren sein erstes Album heraus: „Ich hab mir noch nie viel aus dem Tag gemacht.“ Zwei weitere sind mittlerweile gefolgt, die Kritiker waren voll des Lobes: „Der zum Troubadour gewordene Dandy ist ein Meister treffender Worte und verwinkelter Gedanken, ein Beschwörer betörend-schöner Melancholie, ein Freund der Polarität und der Brüche“, schrieb etwa die Süddeutsche Zeitung, und der Musikexpress befand über das Album „13 Wohnzimmer“: „So klingt Pop, wenn er einen freien Tag hat und einfach mal zu Hause bleibt, leicht schläfrig und poetisch gestimmt, ganz zauberhaft.“ Der vierte Longplayer wird im Juli erscheinen, dann unter dem Bandnamen „Die Realität“. Bleibt nur die Frage: Kann man mit dieser wunderbaren und ganz und gar nicht massenkompatiblen Musik Geld verdienen?

Herr Pfeil, hat sich Ihr bisheriges künstlerisches Schaffen auch finanziell gelohnt?
Das fragte mich mein Steuerberater auch neulich. Ich lege ihm immer lang und breit auseinander, dass das kein kostspieliges Hobby wie Golf oder Ähnliches ist. Nein, finanziell gelohnt hat es sich nicht. Man zahlt drauf, und zwar massiv. Es ist in Deutschland als Indie-Musiker klassischer Prägung sehr schwer, in den Bereich zu gelangen, ab dem es sich lohnt. Grundsätzlich ist das Thema, über das wir hier sprechen, ein ungemein frustrierendes. Ich hätte mir vor meiner ersten Platte nie vorgestellt, dass es so schwer ist, auf einen grünen Zweig zu kommen. Ich bin da immer noch meilenweit von entfernt. 

In welchem vertraglichen Verhältnis stehen Label und Künstler?
Der Vertrag ist sehr lose. Ganz ehrlich: Ich weiß gar nicht, ob ich einen habe. Es basiert eher darauf, dass man froh sein kann, einen Ort zu haben, der einen langfristig unterstützt, das heißt, das Album herausbringt. Ich bin bei einem zwar sehr traditionsreichen, aber auch sehr kleinen Label. Was man dort machen kann, wird gemacht.

CD, Vinyl, Downloads, Streamings, GEMA-Gebühren – welche Einnahmequellen sind für Sie besonders wichtig?
Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass meine Musik bislang nicht sonderlich erfolgreich war, soviel steht fest. Herauszufinden, wie viel beziehungsweise wie wenig ich hier oder dort verkaufe, erspare ich mir lieber. Die GEMA-Einnahmen sind, sagen wir: solide und von einer gewissen Grundehrlichkeit. Ist die Musik irgendwo im Radio gelaufen, wird das auch entsprechend des Schlüssels honoriert. Vor allem die bei Auftritten eingereichten GEMA-Listen lassen ein bisschen was zusammenkommen. Ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass meine Musik wahnsinnig viel gestreamt wird. Die Leute, die Eric Pfeil hören, kaufen Tonträger. Also, sie würden Tonträger kaufen, wenn sie Tonträger kaufen würden.

 

„Ich bin da klassischer Künstler alter Schule.“

 

Es gibt ja mittlerweile viele Künstler, die ihre Musik ohne Label selbst vertreiben, beispielsweise auf Bandcamp, und das sowohl digital als auch auf physischen Tonträgern. Wäre das auch für Sie ein denkbares Modell?
Ich bin da klassischer Künstler alter Schule. Ich lasse mich vollkommen in meiner Kunst. Nach einer Albumproduktion oder einem Auftritt bin ich erschöpft. Da bleiben für mich persönlich wenig Platz, Nerv und Zeit, um mich in tolle alternative Vertriebsmodelle hineinzudenken. Als Musiker hat man ja ohnehin schon genug zu tun: Man schreibt Songs, probt, produziert, denkt sich Coverkonzepte, Videos und Merchandise aus und befüttert zudem die sozialen Medien mit irgendwelchem Unfug.

Wie wichtig sind die sozialen Netzwerke denn für Sie?
Extrem wichtig. Unerlässlich geradezu. Und das sagt Ihnen jemand, der kein allzu großer Fan sozialer Medien ist.

Bringen Musikvideos heutzutage noch etwas?
Es ist besser, eins zu haben, als keins zu haben. Man muss sichtbar sein. Ich liebe ja Rätselhaftigkeit und Verweigerung. Die funktionieren aber beide nur unter der Voraussetzung einer grundsätzlichen Wahrnehmbarkeit.

Bislang erschien Ihre Musik unter Ihrem Namen. Wer hat in dieser Zeit die Musiker bezahlt, die Sie bei Konzerten und im Studio begleitet haben?
Da gab es keine Bezahlung. Meine Begleitmusiker haben das immer aus Lust an der Sache gemacht. Ich habe lediglich die Übernachtungskosten übernommen. Anfangs hatte ich diesbezüglich ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl hatte, die Musiker auszubeuten. Das war natürlich Unsinn, weil das vorausgesetzt hätte, dass da Geld gewesen wäre, was ich mir alleine eingesteckt hätte. Dann habe ich die Erfahrung gemacht, dass es durchaus eine Menge Leute gibt, die so wie ich ticken, und die das Durch-die-Gegend-fahren-und-auf-Bühnen-Herumstehen mit all seinen Kollateralerscheinungen schon als ausreichenden Lohn begreifen. Zumindest für eine Weile und so lange sie nicht ärmer darüber werden. Das werde dafür dann ich.

Mittlerweile ist aus dem Solo-Projekt eine Band namens „Die Realität“ geworden. Inwieweit hat sich dadurch das finanzielle Konstrukt verändert?
Wir teilen die Kosten, so gut es geht, auf. Jeder so, wie er kann. Das hilft zwar, allerdings war die Produktion des Realität-Albums auch teurer als alles, was ich vorher solo gemacht habe.

 

„Letztlich beutet man die ganze Zeit seinen Freundeskreis aus.“

 

Welche Kosten sind denn dabei angefallen?
Wir zahlen das Studio und den Produzenten. Das ist die reine Produktion und somit längst nicht alles, was an Kosten anfällt. Danach gilt es, Videos zu drehen, für die man Kameraleute braucht. Man braucht ein Cover, für das eine Grafikerin benötigt wird und so weiter, und so fort. Letztlich beutet man die ganze Zeit seinen Freundeskreis aus. Natürlich versuchen wir so viel wie möglich selbst zu machen, aber ich finde es nicht ideal, wenn alles quasi „im Haus“ hergestellt wird. Es ist auch sehr schön, Dinge in vollem Vertrauen auf deren Gelingen aus der Hand geben zu können.

War schon vor der Produktion klar, dass ihr bisheriges Label auch diese Platte veröffentlichen wird?
Ja. Man scheint da Vertrauen zu haben. Worein auch immer.

Was würde geschehen, wenn Trikont sagen würde: Passt nicht in unser Repertoire?
Das wäre sehr schade, und ich müsste mich neu umgucken.

Wird es eine Tour zum neuen Album geben?
Ja. Im Moment werden Auftritte für den Herbst an Land gezogen.

Wer organisiert die Tour, und wer übernimmt die Kosten?
Die Auftritte werden überwiegend von unserer Booking-Agentur, Trikont-Booking, organisiert, die den branchenüblichen Anteil an den erzielten Einnahmen bei diesen Auftritten erhält. Manchmal organisieren wir auch selbst Auftritte, aber das gehört schon wieder in diesen Bereich, in dem ich mich, nachdem ich alle Energie in der Musik gelassen habe, nicht mit allzu viel Feuer kümmern kann.

 

„Für uns ist das Touren derzeit sehr kostenintensiv.“

 

Ist es weiterhin so, dass für große Acts Touren und Merchandise-Verkauf am lukrativsten sind?
Für große Acts mag das stimmen. Für uns ist das Touren derzeit sehr kostenintensiv. Man muss ein Fahrzeug mieten, und da wir in unserem fortgeschrittenen Alter nicht mehr so wahnsinnig gern zu dritt im Arbeitszimmer des Veranstalters übernachten, müssen günstige Hotels gebucht werden. Was Merchandise angeht, fangen wir gerade erst an. Ich fand die Vorstellung immer komisch, „Eric Pfeil“ auf T-Shirts und Feuerzeuge zu drucken. Bei „Die Realität“ sieht das anders aus. Aber auch hier entstehen zunächst Kosten. Wenn man etwa T-Shirts kauft, gilt es ja auch darauf zu achten, wo und wie diese hergestellt wurden. Wir haben erst heute die Produktion von Taschen gecancelt, weil es derzeit für uns zu teuer war.

Ist Ihre Bezahlung davon abhängig, wie viele Zuschauerinnen und Zuschauer kommen, oder bekommen Sie von den Clubs ein fixes Honorar?
Das kommt auf den Club an. Fix-Honorare sind natürlich am besten, waren bisher aber eher selten. Ist aus Veranstalter-Sicht ja auch verständlich. Am schlimmsten sind sogenannte „Hut-Gigs“, die verbreiteter sind als angenommen. Das heißt: Man spielt, und während des Auftritts wird gesammelt. Dabei mag zwar im Idealfall etwas rumkommen, ich finde diese Form des Groschen-springen-Lassens, während man sich auf der Bühne verrenkt, aber sehr entwürdigend und mache solche Auftritte nicht mehr. Das ist letztlich Straßenmusikertum. Manchmal liegen im „Hut“ auch Restmünzen ausländischer Währungen und Knöpfe. Die Menschen sind grausam.

Wenn man mal alles zusammennimmt: Wie groß ist das finanzielle Risiko für Sie?
Ich muss das machen, was ich mache. Ich habe keine Wahl. Für mich war der Drang, mich künstlerisch auszudrücken, schon sehr früh da. Das ist Teil meiner DNA. Das mag hippie-esk klingen, womöglich sogar größenwahnsinnig, aber so ist es nun mal.

Würde ich über das „Risiko“ nachdenken, dürfte ich das alles nicht machen.

Was müsste geschehen, damit Sie von Ihrer Musik leben können?
Es müsste alles anders und besser laufen. Und es müsste 1994 sein. Oder noch weltfremder formuliert: Das Album von Die Realität müsste zwei Songs abwerfen, die permanent im Radio laufen. Ein Stück müsste zudem einem Werbespot für dreietagige SUVs unterlegt werden. Überhaupt wäre eine gute Portion Seele-Verkaufen angeraten. Oder es müsste ein weltfremder, aber reicher Adeliger des Weges gestolpert kommen und uns künftig Mäzen-artig unterstützen. Hier könnte uns helfen, dass wir Musik machen, die sich klar und eindeutig an Adelige richtet. Aber im Moment würde ich mich schon über eine solide gebuchte Tour freuen. Und ich sollte es endlich mal schaffen, für unsere Ü-40-Band ein paar Fördermittel locker zu machen.

 

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