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„Der Musikmarkt ist unübersichtlicher geworden“

Im Rahmen der c/o pop Convention 2017 veranstalten popNRW und VUT West erstmals den New Talent Day (Freitag, 18. August, ab 10.00 Uhr, IHK zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26). Wir führten mit Carla Barzen von popNRW – Nachwuchsförderung für junge Talente aus NRW / Landesmusikrat NRW e.V. ein Gespräch.  

An wen richtet sich der New Talent Day, und was dürfen die Teilnehmer erwarten?

Der New Talent Day richtet sich an junge (oder junggebliebene) Talente aus dem Bereich Popmusik, die ihre künstlerischen Ideen verwirklichen und früher oder später mit ihrer Musik Geld verdienen wollen. Außerdem ist der New Talent Day ein perfektes Event für Menschen, die ein Label oder eine Bookingagentur gründen, Künstlermanager von Nachwuchsbands sind oder werden wollen oder sich sonst irgendwie in der popmusikalischen Nachwuchsszene in NRW tummeln. Ein zusätzlicher Vorteil für unsere Besucherinnen und Besucher ist, dass der New Talent Day im Rahmen der c/o pop Convention stattfindet, so ist der Anschluss an die „große“ Branche sichergestellt. Und am gleichen Tag findet dann auch im Rahmen des c/o pop Festivals die feierliche Verleihung unseres popNRW-Preises statt. Der Tag ist also voll und ganz dem popmusikalischen Nachwuchs in NRW gewidmet.

War es schwer, Branchenprofis zu finden, die ihr Wissen kostenlos weitergeben, und wer hat alles so zugesagt?

Die Bereitschaft in der Branche ist erstaunlich hoch, Wissen weiterzuvermitteln und aufstrebenden Newcomern Unterstützung anzubieten. Es freut uns sehr, dass hier zunächst mal wenig Ellenbogen-Mentalität herrscht. Das liegt natürlich aber auch daran, dass die erfahrenen Profis, die wir einladen, am Puls der Zeit bleiben wollen und sich selbst für die Entwicklung von neuen Talenten stark machen. Philipp Jacob-Pahl zum Beispiel hat zusammen mit Partnern vor wenigen Jahren die Köln-Dependance der Agentur „Landstreicher“ aufgebaut und von Anfang an auch auf Talente aus der Region gesetzt. Malte Schröder von der Ease Agency arbeitet mit allen Major Labels für die Promotion ihrer Künstler zusammen und betreut große Marken, ist aber interessiert daran, auch junge Talente zu fördern. Maya Consuelo Sternel ist selbst erfolgreiche Musikerin und weiß, wie schwer es immer noch für Nachwuchs und besonders Frauen ist, sich in der elektronischen Musikszene durchzusetzen. Deswegen gibt sie bei uns einen anwendungsbezogenen Workshop für Einsteigerinnen und Einsteiger, die gerne mit „Ableton Live“ arbeiten wollen. Björn Beneditz, der kreative Kopf hinter den Liveshows von Deichkind, spricht sehr offen über seine Ideen für die Showkonzepte, hier zählt mehr die gegenseitige kreative Inspiration als der Gedanke, seine Idee schützen zu müssen. Ähnliches kann man eigentlich von jeden der Speakerinnen und Speaker berichten, jeder und jede von ihnen kann sich, denke ich, gut an die Anfänge ihrer Karriere erinnern. 

War es früher einfacher, in der Musikbranche Fuß zu fassen, oder eröffnet gerade das Netz ganz neue Möglichkeiten?

Man sollte dieses Thema differenziert betrachten. Natürlich ist der Musikmarkt heutzutage ganz anders aufgestellt als in den „goldenen“ 70er, 80er und 90er Jahren. Die Branche hat immer noch mit dem digitalen Wandel zu kämpfen, weil dadurch natürlich der physische Verkauf extrem eingebrochen ist. In solchen Umbruchsituationen entstehen aber auch immer viele Leerstellen, die kreativ gefüllt werden können. Der Markt ist unübersichtlicher geworden, aber es ist doch irgendwie auch toll, dass unbekannte Musikerinnen und Musiker relativ schnell und einfach und ohne viele der alten Gate Keeper tolle Musik in die Öffentlichkeit bringen können. Bei neuen Ideen zur Monetarisierung ist gerade viel in Bewegung, und es bleibt zu hoffen, dass sich Modelle finden, in denen Künstler besser und einfacher von ihrer Musik leben können. 

Wovon leben Musiker heute eigentlich? Von den Überweisungen der Streamingdienste doch ganz sicher nicht … 

Aufstrebende Künstlerinnen und Künstler investieren meist erst mal ganz viel selber in ihre Musik, und zwar nicht nur Ideen und Arbeitsaufwand, sondern eben auch Geld, um Aufnahmen zu machen, zu Shows zu fahren oder sich zu vermarkten. Nur wenige können früh davon leben und sind oft auf das Vertrauen und die Unterstützung von ihrem direkten Umfeld angewiesen. Es sind meist kleinere Labels oder Booking-Agenturen, die an einen Künstler glauben und ihm beim Aufbau einer Karriere helfen. Die großen Labels klopfen erst an die Tür, wenn sich der Erfolg abzeichnet. 

Interessanterweise hat das Live-Geschäft wieder einen größeren Stellenwert als Einnahmequelle bekommen. Auch der Vertrieb von Merchandise-Artikeln kann jungen Künstlerinnen und Künstlern dabei helfen, die ersten Einnahmen zu generieren. Die ersten Fans sind meist die treusten, die gerne in die Band investieren. Ich rate auch kleinen Bands häufig, sich gut über die GEMA und andere Verwertungsgesellschaften zu informieren. Die Verteilungsschlüssel sind natürlich heiß diskutiert, nichtsdestotrotz können einem Auszahlungen der GEMA auch bei wenigen Auftritten und Veröffentlichungen zumindest helfen, die Kosten für Shows und Veröffentlichungen zu decken. 

Ist Köln ein guter Standort für junge Musiker und andere Menschen, die mit Musik Geld verdienen wollen?

Gegen Berlin kommt man natürlich schwer an, was die Dichte an Künstlern und Veröffentlichungen im Popbereich geht. Allerdings hat sich in Köln und ganz NRW eine Szene etabliert, die gerade die etwas übersichtlicheren Strukturen hier schätzt und sich bewusst gegen Berlin entscheidet. Hier bilden sich stärkere Netzwerke, man kennt sich, tauscht sich aus, arbeitet zusammen. Wir freuen uns, dass wir eine wahnsinnige Vielfalt von Spielorten, Musikveranstaltungen und Musikbranche vorfinden. Deswegen versucht popNRW, weiter diese Strukturen zu stärken und zu einer vielfältigen Musikbranche beizutragen.