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Rentnercops ©Bavaria

„Eine Serie wie ,Das Boot’ war
früher undenkbar“

Die Bavaria Film feiert 2019 ihr hundertjähriges Bestehen und ist in Köln mit dem Tochterunternehmen Bavaria Fiction vertreten. Anlässlich des Jubiläums und der Verleihung des Deutschen Kamerapreises, zu dessen Unterstützern die Kölner Niederlassung zählt, unterhielten wir uns mit Oliver Vogel, dem Chief Creative Officer der Bavaria Fiction.

Beim Stichwort „Bavaria“ denken die meisten erst einmal an Geiselgasteig. Wie wichtig ist der Standort Köln für Sie?
Immens wichtig. Köln ist einer der größten und stärksten Medienstandorte Deutschlands. Man muss sich nur mal angucken, wie viele Sendeminuten im TV-Bereich hier produziert werden, wie viele Sender, Firmen und Kreative es hier gibt. Für TV-Produzenten ist Köln generell ein hochinteressanter Standort, und bei der Bavaria kommt auch noch eine traditionelle Komponente hinzu: 1994 entstand hier die Colonia Media, ein Tochterunternehmen der Bavaria. 2014 ist sie mit der Bavaria Fernsehproduktion verschmolzen, seit dem Rebranding 2017 firmiert das Unternehmen unter dem Namen Bavaria Fiction. An der Anzahl der Beschäftigten hat sich aber nichts geändert, und das spiegelt sich auch im Produktionsvolumen wider.

Wie groß ist das Produktionsvolumen?
Wir produzieren in unserer Kölner Niederlassung den „Tatort Köln“, den „Tatort Dortmund“, den „Tatort Münster“, die ARD-Vorabendserie „Rentnercops“ und die ARD-Hauptabendserie „Falk“, in den Dritten läuft die „Schnitzel“-Serie und im Ersten die „Schnitzel“-Reihe mit Armin Rohde und Ludger Pistor. Das entspricht dem Volumen einer mittelständischen Firma und beinhaltet Personal und eigene Studios.

Sie haben hier eigene Studios?
Das sind keine klassischen TV-Studios wie bei der MMC. Wir haben in Braunsfeld und in Marsdorf jeweils ein Gebäude angemietet und diese dann zu Studios umfunktioniert. Amerikaner nennen das „Warehouse-Prinzip“. Dort drehen wir zum Beispiel für den „Tatort“.

Sie erwähnten vorhin Ihre Mitarbeiter. Wie viele sind es in Köln?
Wir haben durchgehend elf Beschäftigte, also Festangestellte.

Und wahrscheinlich auch viele freie Mitarbeiter ...
Ja. In Hochzeiten, wenn parallel gedreht wird, sind es bis zu 150, 200. Dafür sind es im Dezember, wenn gar nichts gedreht wird, aber auch mal null. Im Jahresdurchschnitt kommen wir auf 80, 90 freie Mitarbeiter.

Die Bavaria hat mit ihren hundert Jahren ja eine große Tradition. Spielt das im Geschäftsalltag eigentlich noch eine Rolle?
Es ist nicht so, als ob wir das nicht vor Augen hätten. Das spielt schon noch eine Rolle. So eine Tradition verpflichtet ja auch. Man blickt zurück auf die größten Erfolge und fragt sich, ob man an diese Erfolge anknüpfen kann. Eine Belastung ist die Tradition allerdings nicht. Wir haben viele junge Mitarbeiter, denn die Tradition kann nicht fortgeführt werden, indem man verstaubt und konservativ und bieder denkt. Man muss neue Wege gehen, und dafür ist die Firma sehr, sehr offen. Das wissen die Mitarbeiter auch zu schätzen. Für viele spielt auch die Sicherheit eine Rolle, die ein großes, traditionelles Unternehmen bietet. Wenn eine Firma seit hundert Jahren existiert, dann traut man ihr auch zu, dass sie noch mal hundert Jahre existieren kann. Und dann kommt noch hinzu, dass die Bavaria auch traditionelle Marken aufgebaut hat, zum Beispiel in den 80er Jahren „Das Boot“. Als wir vor ein paar Jahren überlegt haben, ob wir diese traditionelle Marken wieder aufleben lassen können, sind dann darauf gekommen, „Das Boot“ als Serie zu machen.

„Das Boot“ lief bei Sky. Wie wichtig sind für Sie eigentlich Netflix und die anderen Plattformen dieser Art?
Plattformen erweitern die Bandbreite des fiktionalen Erzählens, da sie im Vergleich zu den klassischen Fernsehsendern weniger quotengetrieben sind. Plattformen und Sender einen aber den gemeinsamen Anspruch an die Qualität des Stoffes und die Suche nach relevanten Geschichten.

Fürchten Sie denn nicht um Ihre alten Auftraggeber, wenn jetzt auch noch Apple und andere Anbieter mit eigenen Streamingdiensten aufwarten?
Ich wundere mich jedes Mal, wenn ich lese, dass Netflix, Amazon und Co. das Ende des linearen Fernsehens seien. Ich finde nicht, dass diese Plattformen und die herkömmlichen TV-Sender in Konkurrenz stehen. Viele Serien, die auf Netflix laufen, wären bei Free-TV-Sendern nicht gelaufen. Es handelt sich also um eine Erweiterung des Angebots, und natürlich wird dadurch auch das Geschäft belebt.

Die Kölner Niederlassung der Bavaria Fiction ist Mitglied des Vereins DEUTSCHER KAMMERAPREIS. Inwieweit engagieren Sie sich da?
Die Colonia Media war Gründungsmitglied des Vereins und engagiert sich – jetzt unter dem Namen Bavaria Fiction – bis heute für den Deutschen Kamerapreis. Als Mitglied haben wir in diesem Jahr die große Jury-Sitzung ausgerichtet, auf der die Einsendungen gesichtet werden, und da ich im Vorstand des Vereins sitze, bestimmen wir auch einen sogenannten Kurator. Dabei handelt es sich um einen unabhängigen, externen Experten, der an den Jury-Sitzungen teilnimmt und sich um das Inhaltliche kümmert, zum Beispiel um die Frage, welche Preise vergeben werden.

Und warum engagieren Sie sich?
Die Arbeit der Kameraleute wird schon ein bisschen in den Hintergrund gedrängt. Beim Deutschen Fernsehpreis gibt es zwar die Kategorie „Beste Kamera“, aber da geht es immer um fiktionales Programm. Die Arbeit der Kameraleute ist aber deutlich vielfältiger, und das, was der Zuschauer sieht, ist immer das, was der Kameramann oder die Kamerafrau durch das Okular sieht, ob das nun Dokumentarfilm ist, ob das Reportagen sind oder auch Shows. All das würdigt der Deutsche Kamerapreis.