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„Wie heißt die Mutter von Nicki Lauda?
Mama Laudaaa!“

In Köln-Nippes befinden sich das Studio und die Geschäftsräume von Xtreme Sound. Das Unternehmen von Mike Rötgens und Hartmut Wessling beschäftigt drei Mitarbeiter auf freier Basis und konzentriert sich höchst erfolgreich auf Party-Musik für Ballermann, Après-Ski, Oktoberfest und Karneval. Ein Gespräch mit Mike Rötgens über sein Geschäftsmodell, die Kunst, auch mit Spotify und YouTube Geld zu verdienen, und seine Vergangenheit in der Kölner Punk- und House-Szene.   

 

Wie erklären Sie jemandem, der am liebsten Klassik hört und in die Philharmonie geht, womit Sie Ihr Geld verdienen?
Ich verdiene mein Geld mit Musik, zu der man feiert. Das heißt, auch der, der in die Philharmonie geht, geht irgendwann zu einem Geburtstag, und spätestens nach 12 Uhr lässt irgendjemand Musik laufen, die alle blöd finden, bei der aber alle mitsingen wollen.

Gesungen wird diese Musik von Leuten wie DJ Ötzi, Peter Wackel, Tim Toupet, Jürgen Drews, Mickie Krause. Was ist Ihr Anteil daran?
Im besten Fall schreibe und produziere ich die Songs selber, ich hab einen eigenen Verlag, das heißt, ich kümmere mich da um GEMA und so weiter, und ich habe eine eigene Plattenfirma, das heißt, ich bringe die Musik auch selber raus.

Was ist das Wichtigste bei diesem Geschäft?
Zuverlässigkeit. Das heißt, alle Glieder dieser Verwertungskette müssen funktionieren. Viele stellen sich das so vor, dass man mit der Gitarre dasitzt und es fliegen einem die Melodien zu. Es ist aber eher Fließbandarbeit. Deshalb erstens: Zuverlässigkeit. Und zweitens: ein Gefühl dafür, wann und wie ein Lied funktionieren kann.

Dann desillusionieren Sie doch bitte mal die Leser und erzählen Sie, wo und wann Sie wirklich Ihre Lieder komponieren.
Ich schreibe gerne vormittags bei einer Tasse Kaffee Songs und nicht, wie viele denken, spätnachts mit einer Flasche Schnaps. Dadurch, dass ich viel unterwegs bin, bin ich allerdings in so einer Art Dauerauffangmodus. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, höre ich von ihnen oft: Jetzt hast Du wieder irgendein Wort oder einen Satz aufgeschnappt, man sieht Dir schon wieder an, dass Du überlegst, wie man daraus ein Lied machen kann. Nun, das ist wirklich so.

 

„Mit Streams verdient meine kleine Firma viel Geld“

 

Die Geschäfte laufen nach allem, was man so hört, sehr gut.
Als Songwriter verdiene ich Geld über die GEMA. Und weil wir die Lieder selber veröffentlichen, verdient unsere kleine Firma auch mit Downloads und mit Streams viel Geld – im Gegensatz zu allem, was man so in den Medien liest. 

Und physische Tonträger?
Ich gebe die Titel für CD-Sampler frei, die andere Leute machen. Wir selber machen seit Jahren keine physischen Produkte mehr, weil wir daran kein Interesse haben.

Weil es sich nicht mehr lohnt?
Ich glaube, für bestimmte Leute lohnt es sich schon noch. Uns war einfach das Risiko zu groß, es widerspricht unserer Philosophie „Schnell machen und raushauen“. Man muss bei CDs ja immer kalkulieren: Wie viele CDs lasse ich pressen, wie viele Regalmeter brauche ich im Lager, dann gibt es Retouren ... Es ist, so denke ich, auch nicht mehr zeitgemäß. Kauf’ Dir heute ein Auto, da ist schon kein CD-Player mehr drin. Ich habe zu Hause auch keinen mehr. Ich streame nur noch. Plattenspieler habe ich noch, einen CD-Player – nein.

Viele klagen darüber, dass an den Streamings nur die Streamingdienste verdienen. Warum ist das bei Ihnen anders?
Ich glaube einfach, dass die Musik, die wir machen, sehr Streaming-affin ist. Da haben wir extremst hohe Zahlen, also wirklich in den Millionen. Wenn ich das mit etablierten Künstlern vergleiche, die weniger haben, dann wundert mich das selber, aber ich denke, das liegt daran, dass unsere Musik Künstler-basierte und nicht Track-basiert ist. Das heißt, die Leute  wollen bestimmte Lieder hören. Wenn die Jungs nach einem Fußballtraining in der Kabine sitzen und ein Bier trinken, dann machen die irgendeine Streaming-Liste auf, und ich glaube, das ist sehr oft eine von uns.

Durch die sozialen Netze wandern immer wieder Meldungen, dass Künstler an Millionen Streams nur winzige Cent-Beträge verdienen.
Wir verdienen, wie gesagt, sehr gut damit. Wer nicht so gut damit verdient, sind Urheber, also Songwriter und Texter. Bin ich zwar auch, aber in dem Moment, wo ich von der anderen Seite daran verdiene, also als Herausgeber, ist das nicht so schlimm. Deswegen haben wir vor Jahren schon geguckt, dass wir ein Mehr-Säulen-Modell haben. Das heißt, wir produzieren selber, haben selber einen Verlag, sind selber auch Schreiber, aber selber auch ein Label. Wenn es auf der einen Seite weniger ist, kommt auf der anderen Seite mehr hinzu. Ich vermute, dass es bei dem Beispiel mehr um den Urheber geht – der Künstler ist ja oft auch der Songwriter. Und dann kommt es natürlich auch noch darauf an, was der Künstler für einen Vertrag hat. Auch da sind wir andere Wege gegangen als die klassischen Major Companies, die den größten Teil des Geldes einbehalten, da bekommen Künstler ja oft nur zehn Prozent. Wir machen das anders. In der Regel haben wir keine Verträge, die den Künstler lange an uns binden. Sie bezahlen dann die Hälfte der Produktion, bekommen dafür aber auch die Hälfte der kompletten Einnahmen. Das heißt, wir machen oft so ein Halbe-Halbe-Modell. Für uns hat das den Vorteil, dass die Künstler selbst ein hohes Interesse daran haben, Promo für den Song zu machen und so.

Kommen zu Ihnen auch Musiker, die sagen: Songs habe ich selber, von Euch will ich sie nur produzieren lassen?
Das gibt es, wir machen das auch schon mal für andere Plattenfirmen, aber nur äußerst ungern. Bei Remixen ist das auch immer so eine Sache. Du bist dann nicht in irgendeiner Form an den Erlösen beteiligt, Du machst einfach nur eine Auftragsarbeit. Solche Jobs übernehmen wir nur, wenn wir sagen: Der Name ist interessant, den haben wir noch nicht auf unserer Website. Es war ein wiederkehrendes Thema in den vergangenen Jahren, dass wir uns da wirklich geweigert haben oder den Plattenfirmen gesagt haben, da müssen wir irgendein Vertragswerk finden, dass wir an den Erlösen beteiligt werden.

 

„Große Plattenfirmen denken oft zu langsam“

 

Seit wann verdienen Sie Ihr Geld auf diese Weise?
Seit 20 Jahren.

Wie sehr hat sich die Branche in all den Jahren verändert?
Extrem. „Digital“ ist eines der großen Stichworte, parallel dazu das Sterben der großen Plattenfirmen. Mittlerweile gibt es ja nur noch drei: Warner, Universal und Sony. Drei Firmen, von denen eine mindestens schon mal gar nicht das macht, wofür wir stehen – da sind die Chancen, unsere Songs bei einer Major Company unterzubringen, sehr gering. Weil wir uns gedacht haben, dass diese Entwicklung so kommt, haben wir uns rechtzeitig darum bemüht, selber ein Label zu sein. Mich freut es immer wieder, wenn wir mit Liedern, die wir den Majors vorgeschlagen haben und die abgelehnt worden sind, so großen Erfolg haben, dass die großen Plattenfirmen dann doch noch kommen und fragen, ob sie das nicht übernehmen können. Das zeigt, dass wir etwas richtig machen. Und es zeigt, dass die großen Plattenfirmen oft zu langsam denken. 

Zu viele Entscheidungsträger?
Genau. Und dann bewegen sie sich auch noch in diesem Konstrukt, dass sie Vorschüsse bezahlen, die ganze Promo-Arbeit machen und unbedingt ein ganzes Album veröffentlichen wollen. Warum muss ich von einem Künstler ein komplettes Album haben? Es kann doch sehr gut sein, dass mir fünf Lieder reichen. Also, das ist mir alles zu schwerfällig. In meinen Augen reagieren die großen Plattenfirmen viel zu spät auf die aktuellen Entwicklungen. 

Was sind Ihre erfolgreichsten Acts?
Ich rede lieber über die erfolgreichsten Titel. Im vergangenen Jahr besonders gut gelaufen ist „Mama Laudaaa“ – „Wie heißt die Mutter von Nicki Lauda? Mama Laudaaa!“ Es geht natürlich darum, dass der DJ die Musik lauter machen soll. Ich würde mal sagen, da haben wir auch bald Gold-Status erreicht. Oder ein anderes, das heißt „Helikopter 117“, da haben wir im Moment rund zehn Millionen Streams und bei YouTube zwei Videos, von denen das eine gut zehn Millionen Views hat und das andere fünf. Gutes Stichwort übrigens, wir verdienen im Gegensatz zu anderen auch gut an YouTube-Einnahmen. Da gilt das gleiche Prinzip wie bei Spotify: Wir haben zwei YouTube-Kanäle, der eine hat circa 150.000 Abonnenten und der andere ungefähr 60.000. Insgesamt kommen wir auf hunderte Millionen Clicks.

Das Geheimnis dieses Erfolges ist ...
... dass wir auch da einen anderen Weg gegangen sind und oft nur ein Lyric-Video machen. Das heißt, das Cover wackelt mal nach rechts und nach links, und der Schriftzug mit dem Text läuft durch. Also eigentlich wie so ein Karaoke-Video. Wir haben gemerkt, dass solche Videos oft höhere Klickzahlen haben als aufwändig und teuer produzierte, weil die Leute einfach zu Hause mitsingen wollen oder am Wochenende zu Hause eine Party machen und jemand ruft dann YouTube auf. Die Majors wundern sich immer wieder über unsere Klickzahlen. Ich meine, so ein Video kostet 200 oder 300 Euro! Die großen Plattenfirmen geben da ganz andere Summen aus. Wir legen keinen Wert darauf, ein Video mit einer Yacht in einer Location zu machen, wo man extra mit dem Team hinfliegen muss. Uns geht es darum, dass es effektiv ist.

 

„Der verkaufsstärkste Tag, den wir im Jahr haben, ist Silvester.“

 

Wann verdienen Sie am meisten?
Es gibt Ausschläge im April und Mai, wenn auf Mallorca die Saison losgeht. Dann Karneval. Après-Ski, das zieht sich einfach ein bisschen mehr. Der verkaufsstärkste Tag, den wir im Jahr haben, ist Silvester. Auch bei YouTube erzielen wir dann die höchsten Einnahmen. Ich glaube, viele Majors haben YouTube noch gar nicht so richtig als Einnahmequelle auf dem Schirm. Generell steigt die Kurve bei den Streamingdiensten, bei den Downloads und bei YouTube freitags, samstags extrem an und montags, dienstags geht sie runter.

Sehen Sie sich eigentlich mehr als Musiker oder als Geschäftsmann?
Mehr als Geschäftsmann. Das hat sich im Laufe der Jahre so entwickelt. Man sieht irgendwelche Probleme oder erkennt rechtzeitig Entwicklungen und reagiert darauf – Stichwort: Man schreibt fünf Lieder und keine Plattenfirma will eins haben, und man denkt sich: Mensch, die sind doch toll, die muss ich doch herausbringen, dann überlegt man sich Wege und wird dadurch zum Geschäftsmann.   

Früher waren Sie in der Punk- und später dann in der House-Szene unterwegs ...
Ich wäre auch gerne dabei geblieben. Aber wenn man eine Band hat und über 30 ist, dann haben die Bandkollegen vielleicht auch nicht mehr so große Lust, am Wochenende durch die Gegend zu fahren. Der eine hat ein Kind, der andere will sein Studium vielleicht doch noch zu Ende machen ... Und ich wollte halt immer Musik machen. Und da macht man halt dann doch lieber das, was gut ankommt, als zehnmal hintereinander etwas, was niemand kauft. Altersvorsorge wird ja auch irgendwann mal ein Thema. 

Früher Punk und House, heute Ballermann – da scheinen ja Welten zwischen zu liegen ...
Na ja, ich habe zwei Dinge davon übernommen: vom Punk das Komponieren, vier Akkorde und ein knalliger Refrain reichen. Vom House die Tanzbarkeit, die Elektronik, die dicke Bass Drum. Wenn man den Gesang wegschalten würde, könnte man sagen: Och, das ist eigentlich ein House-Track.

Was muss ein Song haben, damit er zum Erfolg wird?
Er muss den Leuten Spaß machen. Das muss nichts mit Trinken oder Sex zu tun haben, wie viele denken. Ich bekomme jeden Tag Lieder von Leuten zugeschickt, immer so etwas wie „Eins, zwei, drei / wir tanzen bis um 8 / bis die Sonne wieder lacht / wird Party gemacht!“ Das ist so langweilig, und ich glaube, dass das auch den Konsumenten keinen Spaß macht, das zu singen. Unsere Zielgruppe ist extrem jung, oft gehen sie sogar noch zur Schule.

Woher wissen Sie das?
Es gibt da ganz hilfreiche Tools.  Und unter den Videos findet man öfter mal Kommentare, die das nahelegen.

Zum Beispiel?
„Neuer Song, um die Eltern zu nerven.“

 

 

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