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„Mit Konzerten allein kann man nicht überleben“

Mankel Brinkmann ist einer der Betreiber des Club Bahnhof Ehrenfeld (CBE), in dem 530 Leute Platz finden, und des Clubs YUCA („Young Urban Club of Arts“, Kapazität: rund 250 Personen); beide Locations befinden sich in Bahnbögen an der Bartholomäus-Schink-Straße. Bei der Verleihung des Musikpreises „Applaus“ wurde der CBE 2017 zur Spielstätte des Jahres gekürt und auch im Folgejahr ausgezeichnet. Wir sprachen mit Mankel Brinkmann über die kulturellen, wirtschaftlichen und standortpolitischen Dimensionen seiner Branche.  

Wie würden Sie einem Menschen, der eher in die Philharmonie als in einen Club geht, beschreiben, was Sie in Ehrenfeld machen?
Wir versuchen grundsätzlich ein möglichst breites Spektrum der aktuell relevanten Musik abzubilden, ohne unseren eigenen Geschmack und unsere Vorliebe für afrourbane Kultur im weitesten Sinne außen vor zu lassen. Unser Ziel ist es, auch die Diversität und wundervolle Vielfalt unseres Stadtviertels abzubilden und unseren Teil zum kulturellen Reichtum Ehrenfelds beizutragen.

Auf welchen Säulen fußt Ihr Geschäftsmodell?
Im CBE und YUCA fußt unser Geschäftsmodell zum einen auf dem Verkauf von Eintrittstickets für Party, Konzert- und Kulturveranstaltungen im weitesten Sinne, zum anderen auf dem Verkauf von Getränken während dieser Veranstaltungen. Darüber hinaus betreiben wir im Sommer unseren Biergarten. Wir sehen uns deshalb aber nicht als klassische Gastronomen, sondern eher als Kulturschaffende. Mit unserer Agentur HUSH HUSH veranstalten wir zudem Konzerte und Tourneen außerhalb unserer eigenen Räumlichkeiten und orientieren uns auch immer mehr hin zu einer beratenden Agentur für Künstler.

Sind diese Säulen alle gleichberechtigt, oder finanzieren zum Beispiel die Partys die Konzerte mit?
Prinzipiell sind alle Säulen gleichberechtigt, allerdings tragen natürlich nicht alle gleichermaßen zur Finanzierung unseres Betriebes bei. Mit Konzerten allein kann man nicht überleben, insofern gibt es eine Querfinanzierung aus anderen Bereichen, damit wir auch weiterhin unseren hohen Ansprüchen an die Qualität unseres Programmes gerecht werden können. Sowohl Partys als auch Einnahmen aus der Gastronomie dienen dazu, kulturell wertvolle Themen überhaupt erst möglich zu machen, bei denen ein Erreichen der schwarzen Null in vielen Fällen unmöglich ist.

Veranstalten Sie die Konzerte und die anderen Events alle selbst, oder stellen Sie Ihre Räumlichkeiten auch anderen zur Verfügung?
Wir veranstalten sowohl selbst als auch in Kooperation mit anderen Veranstaltern. Manchmal stellen wir die Räumlichkeiten auch lediglich als „Rental" zur Verfügung. Generell kann man aber sagen, dass wir einen relativ hohen Eigenanteil an selbst organisierten Veranstaltungen im Programm haben, und das sowohl im Party- als auch im Konzertbereich. Wir haben den CBE und das YUCA aber immer auch als Räume verstanden, die wir anderen Kulturschaffenden zur Verfügung stellen möchten. Das ist nicht nur wichtig für die Dynamik unseres Programmes, sondern auch für die kulturelle Szene der Stadt und des Stadtteils an sich.

„Man kann das Programm einer ernstzunehmenden Veranstaltungsstätte nicht an rein ökonomischen Faktoren ausrichten.“


Erlebt man als Club-Besitzer Höhen und Tiefen, oder sind die Einnahmen einigermaßen konstant?
Natürlich gibt es wie in jedem Wirtschaftszweig Höhen und Tiefen und natürlich auch saisonbedingte Schwankungen. Prinzipiell können wir uns aber sowohl über die Auslastung an Veranstaltungen als auch über die Besucherfrequenz nicht beschweren. Der CBE und das YUCA gehören sicherlich zu den beliebteren Clubs der Stadt. Die andere Seite der Medaille ist aber, dass der Betrieb einer Veranstaltungsstätte mit einem starken programmatischen Schwerpunkt sich niemals nur an rein ökonomischem Denken orientieren darf. Gleichzeitig unterliegt man als Wirtschaftsbetrieb aber natürlich auch ökonomischen Gesetzmäßigkeiten. Hier muss man eine Balance finden.

Wie schwierig ist es denn, kulturellen Anspruch und wirtschaftliches Denken unter einen Hut zu bekommen?
Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Wir räumen uns immer ein Budget ein für Veranstaltungsformate und Shows, bei denen wir wissen, dass diese sich schwierig rechnen lassen. Man kann das Programm einer ernstzunehmenden Veranstaltungsstätte nicht an rein wirtschaftlichen Faktoren ausrichten. Klar ist aber auch: Wir würden auch noch viel mehr kulturell ansprechende Shows veranstalten, wenn wir zum Beispiel über weitere adäquate Förderungsmöglichkeiten vom Bund oder dem Land die Möglichkeit dazu bekommen würden. Wenngleich sich in den letzten Jahren viel zum Positiven bewegt hat: Im Vergleich zu den Budgets eines Opern- oder Schauspielhauses unterhalten wir uns in der Clubszene noch immer über einen Tropfen auf den heißen Stein.

Wer verdient an einem Konzert denn alles mit, und welche Kosten fallen an?
Das kann unter Umständen eine ziemlich lange Kette an Partizipierenden sein, die oft auch selbst für den Künstler gar nicht überschaubar ist. Die direkte Kette sähe zum Beispiel so aus: örtlicher Veranstalter > deutscher Booker > Agent für Europa >gegebenenfalls Label (je nach Vertragslage der Künstler) > Management >Künstler. Die verschiedenen Margen der einzelnen Akteure variieren hier aber auch stark. Letztendlich kann man aber sagen, dass vom Gewinn nur ein verhältnismäßig kleiner Anteil übrigbleibt. Nicht berücksichtigt sind in dieser Aufzählung Autorengesellschaften wie die GEMA und alle möglichen Dienstleister, die als Auftragnehmer auch bezahlt werden, von der Security bis zum Steuerbüro. Im weitesten Sinne gibt es aber auch viele andere Bereiche, die passiv mitverdienen: Restaurants, Bars, Kneipen und Kioske im näheren Umfeld, der öffentlicher Nahverkehr und auch der Staat selbst, für den die Veranstaltungsbranche mittlerweile auch ein wichtiger Wirtschaftszeig geworden ist.

Wie wichtig ist es, dass das Publikum bei Ihnen auch Getränke konsumiert?
Extrem wichtig. Diese Aussage lässt sich natürlich nicht für alle Veranstaltungsstätten generalisieren, da jeder eine andere Kostenstruktur hat beziehungsweise man natürlich auch zwischen geförderten und nicht geförderten Betrieben und Veranstaltungsformaten unterscheiden muss. Der Verkauf von Getränken ist aber fast ausnahmslos immer einer der wichtigsten Finanzierungsbausteine für Location-Betreiber.

„Während eines Deutschland-Spiels bei einer WM sollte man nicht unbedingt ein Konzert veranstalten.“


Lässt sich einigermaßen abschätzen, wie viele Zuschauer ein Act zieht?

Diese Frage lässt sich leider nicht pauschal beantworten. In die Bewertung fließen unterschiedliche Faktoren ein: Verkaufszahlen der Alben, Erfahrungswerte vergangener Touren und auch Social-Media-generiertes Datenmaterial, zum Beispiel die Views bei YouTube und die Anzahl der Follower bei Instagram. Das sind einfache Indikatoren, die eine Vermutung zwar bestärken können, aber oft auch total an der Realität vorbeigehen. So unterscheidet sich zum Beispiel die Aussagekraft von Online-Daten je nach Genre: Wenn man sich beispielsweise Acts aus dem Deutschrap anschaut, sind dort fünf Millionen Spotify-Plays keine Hype-Meldung mehr wert. Für viele andere nationale und internationale Acts, die mitunter viel mehr Tickets verkaufen, ist das aber schon eine sehr große Zahl. Insofern spielen natürlich auch immer das Bauchgefühl und nicht zuletzt auch die Erfahrungen, die man mit den Jahren sammelt, eine Rolle für die eigene Einschätzung. Positive Überraschungen und auch Enttäuschungen gehören aber einfach mit dazu.

Inwieweit hängt die Zuschaueranzahl vom Wochentag und von anderen Faktoren ab, die man nicht beeinflussen kann?
Natürlich gibt es beliebtere und unbeliebtere Wochentage für Konzerte, und während eines heißen Sommers bevorzugen Menschen sicher auch eher einen Biergarten oder den See als eine heiße Konzert Location. Auf der anderen Seite kommt es ganz klar immer auf das Thema an, das man veranstalten will. Während eines Deutschland-Spiels bei einer WM sollte man allerdings nicht unbedingt ein Konzert veranstalten, das können wir mit den Jahren eigentlich sicher behaupten.

Der CBE wurde 2010 eröffnet. Inwieweit hat sich das Geschäft seitdem verändert?
Sowohl Köln als auch Ehrenfeld sind in den letzten zehn Jahren strukturell gewachsen, und insbesondere unser Viertel hat sich in seiner Einwohnerstruktur verändert. Auch hier machen Themen wie Gentrifizierung keinen Halt. Der Hype um Ehrenfeld hat sich auf unser Geschäft zwar sehr positiv ausgewirkt, aber man bemerkt natürlich, dass sich durch die steigenden Mietpreise und Investoreninteressen die Nutzungskonzepte für das Viertel stark ändern. Dort, wo früher Kulturraum einen Platz hatte, werden heute finanziell attraktivere Konzepte entwickelt, was zum bereits erlebten Clubsterben im Viertel führt. Insbesondere für kleinere Veranstalter führt der Mangel an Räumen natürlich zu massiven Problemen.

Was hat Sie dazu bewogen, 2015 zusätzlich den Club YUCA zu eröffnen?
Wir haben die Notwendigkeit gesehen, dass insbesondere für Veranstaltungsformate, die für ein kleineres Publikum konzipiert worden sind, eine Bühne geschaffen werden muss. Gleichzeitig hat es uns die Möglichkeit eröffnet, ausgewählte Großveranstaltungen durch eine Verbindung von CBE und YUCA mit einer größeren Besucherkapazität durchzuführen.

Im Nachhinein die richtige Entscheidung?
Definitiv. Das YUCA ist im Jahr 2019 zu einem wirklich wichtigen Anlaufpunkt für die lokale und überregionale Musikszene geworden. Man ist manchmal schon stolz, wenn man einen Künstler oder eine Künstlerin, die im Vorjahr noch im YUCA gespielt hat dann im nächsten Jahr im CBE sieht. Bands brauchen nicht nur Proberäume, sondern auch Bühnen. Gleichzeitig gibt es insbesondere in Köln, einer Stadt, in der viele junge und auch ältere kultur- und musikinteressierte Menschen gibt, einen Mangel an geeigneten Veranstaltungsräumen. Diese Lücke hat das YUCA zwar nicht geschlossen, zumindest aber eine neue Alternative geschaffen.

„Wir wollen in Ehrenfeld nicht irgendwann der letzte Club sein.“


Wie sehen Sie die Zukunft der beiden Locations?

Mit Einschränkungen positiv. Wir haben anders als andere Betreiber das Glück eines langfristigen Mietvertrages; allerdings sind wir natürlich auch von übergeordneten politischen Entwicklungen abhängig. Ob wir weiterhin in dem Maße kulturell wertvolle Arbeit leisten können, wird unter anderem davon abhängen, inwieweit der Erhalt von kreativen Räumen auch in der städtebaulichen Planung berücksichtigt wird, Stichwort Kulturraumschutz. Gleichzeitig benötigen wir dringend die Verstetigung und den Ausbau von Förderprogrammen, um auch weiterhin zur Attraktivität des kulturellen Angebots der Stadt Köln beitragen zu können. Und klar ist auch: Wir wollen in Ehrenfeld nicht irgendwann der letzte Club sein.

Wie beurteilen Sie den Popstandort Köln?
Gemessen an der wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung unseres Wirtschaftszweigs für die Stadt Köln und deren Attraktivität für junge Leute haben insbesondere Clubbetreiber weiterhin mit großen Problemen zu kämpfen. Die Kommunikation mit und zwischen Ämtern, die für Clubbetriebe zuständig sind, ist oft langwierig und kompliziert, Verfahrensabläufe dauern in den meisten Fällen zu lange. Gleichzeitig gibt es kaum Möglichkeiten für die Realisierung von Zwischennutzungen. Das hemmt wirtschaftliche und kreative Entfaltungspotentiale unserer Branche. Wir würden uns ein deutliches Bekenntnis der Stadt zum Erhalt und vor allem zur Vertiefung ihrer Clubszene wünschen und gleichzeitig feste Ansprechpartner in der Verwaltung, die zum Beispiel Genehmigungsverfahren aus einer Hand sowohl bau- als auch ordnungsrechtlich betreuen können und eine zeitnahe Kommunikation zwischen den Ämtern sicherstellen. Der Fairness halber muss man aber feststellen, dass diese Problematik den handelnden Köpfen in der Lokalpolitik immer bewusster geworden ist. Das ist sicherlich eine Folge der Attraktivität der Kölner Clubszene über die Stadtgrenzen hinaus und des jahrelangen Wirkens der Kölner Klubkomm. Deswegen sind wir auch vorsichtig optimistisch, dass sich in den nächsten Jahren Dinge für die Clubszene zum positiven verändern, wenngleich es noch ein weiter Weg ist und wir jetzt gemeinsam verhindern müssen, dass noch mehr Locations wegfallen.

Warum sind Clubs, wie Sie sie betreiben, wichtig für Köln?
Clubs sind wichtig, da sie einen wertvollen Beitrag zum kulturellen Leben der Stadt leisten. Wir wirken deshalb sowohl in die Gesellschaft hinein als auch standortpolitisch nach außen, als Attraktivitätsmerkmal einer pulsierenden rheinischen Metropole. Auch wirtschaftlich spielen sowohl Veranstaltungsstätten als auch Kreativwirtschaft als Teil der urbanen Nachtökonomie mittlerweile eine wichtige Rolle und befördern durch die kulturelle Arbeit natürlich auch die Lebensqualität, die eine Stadt wie Köln ausmachen sollte. Deshalb brauchen wir mehr Räume und insbesondere mehr Unterstützung für Menschen, die sich auf das unternehmerische Abenteuer Clubkultur einlassen möchten.

Wenn Sie sich einen Act für die Zukunft wünschen dürften, wer wäre das?
Man hört ja nie auf zu träumen, somit wäre es natürlich großartig, irgendwann einmal persönliche Heldinnen wie Erykah Badu oder Lauryn Hill bei uns begrüßen zu dürfen. Das wäre sicherlich als Wunsch auch der größte gemeinsame Nenner im Team, aus dem wir ja auch immer viele Impulse bekommen.

 

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