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Lars Hoffmann ©Marcus Bäcker

„Das ist schon wirklich knallhart, das Geschäft“

Lars Hoffmann ist das Gesicht und einer der Inhaber des Underdog Recordstore auf der Ritterstraße in der Kölner Nordstadt. Zum Laden gehören drei freie Mitarbeiter, unzählige Schallplatten und eine treue Stammkundschaft, die sich für Indie-Rock, Postpunk, Hardcore und andere gitarrenlastige Musik fernab des Mainstreams interessiert. Mögen Streamingdienste und Downloads die Branche auch noch so verändert haben: Läden wie Parallel, a-Musik, Black Diamond und eben das Underdog halten in Köln die Stellung. Wir haben nachgefragt, wie das sein kann. 

Wie verdienen Sie Ihr Geld, Herr Hoffmann?
Mit einem Konstrukt aus Plattenladen, Konzert- und Partyveranstaltungen, Vorverkaufsstelle und DJ-Tätigkeiten. Früher hatte ich auch noch ein Musiklabel, das ist aber nicht mehr aktiv.

Auch ohne eigenes Label bleibt da ja noch ziemlich viel zu tun ...
Nur den Plattenladen, das wäre mir ein bisschen zu langweilig auf Dauer. Ich brauche mehrere Aufgaben. Ausruhen gibt es nicht wirklich bei mir. Ich muss immer etwas machen.

Was davon ist aus finanzieller Sicht am wichtigsten?
Konstant gut läuft der Plattenladen. Da kannst Du Dich drauf verlassen, dass am Ende des Monats ein bestimmter Betrag in der Kasse ist. Bei Konzerten und Partys ist es schwankend. Machst Du beim Booking einen Fehlgriff, da musst Du noch vier Konzerte machen, um das wieder auszubügeln. Außerdem kommt es natürlich auch immer darauf an, wer gerade auf Tour ist.

Seit wann gibt es „Underdog“?
Seit 1997, da war ich 24. Ich wusste nicht, was ich machen sollte, und kam auf den Gedanken: Ach, mach mal ’nen Plattenladen auf.

Dafür braucht man doch auch bestimmt betriebswirtschaftliches Wissen ...
Habe ich überhaupt nichts mit am Hut gehabt. Ich habe einfach ein Ladenlokal gemietet, einen Kredit aufgenommen, Platten eingekauft. Mit 24 ist man ja auch noch jung, da stand ich tagsüber im Laden und habe abends Plattenkisten gepackt, bin zu Konzerten gefahren und habe in einem Umkreis von 200 Kilometern Platten verkauft. Am Anfang lief der Laden nicht so, allein hätte der sich nicht finanziert.

War das damals schon im selben Ladenlokal wie heute?
Anfangs war der Laden ein Haus weiter und kleiner. Das ganze Geschäftsmodell war ja erst einmal ein Experiment. Nach eineinhalb Jahren wusste ich aber, dass es funktioniert und weiterhin gut laufen wird. Damals wurde das Ladenlokal frei, in dem wir jetzt noch sind.

Könnten Sie sich eine weitere Vergrößerung vorstellen?
Nein. Ich finde die Größe gut, und wenn wir uns vergrößern würden, würde auch der Druck zunehmen, wegen der Miete und so.

 

„CDs führen wir gar nicht mehr.“

 

Die Musikindustrie war in den vergangenen Jahren nicht grade krisenfest ...
Als der CD-Markt wegen Filesharing und Internetpiraterie komplett eingebrochen ist, bestand unser Sortiment zu 50 Prozent aus CDs und zu 50 Prozent aus Vinyl. Das war das einzige Mal, dass ich mich gefragt habe: Was ist in fünf Jahren? Wir haben diese Phase trotzdem überstanden, auch weil das Vinyl aufstrebend war. Wir haben dann Stück für Stück die CD-Abteilung verkleinert und Vinyl dazu genommen. Dass den LPs dann auf einmal Karten mit Download-Links beilagen, hat alles verändert. Ab da haben viele Leute gesagt: Warum soll ich mir noch eine CD kaufen? Ich hole mir eine Platte und bekomme die digitale Version noch dazu. Seitdem gingen die Umsätze beim Vinyl-Verkauf ziemlich hoch, und die letzten zwei, drei Jahre hat sich das auf diesem Niveau eingepegelt. CDs führen wir gar nicht mehr.

Aufgrund des Vinyl-Hypes haben in Köln in den vergangenen Jahren mehrere neue Plattenläden aufgemacht ...
Von denen sind zwei schon wieder weg.

Wie kommt das?
Ich glaube, das hat etwas mit Tradition zu tun. Parallel, Groove Attack, Underdog – wir machen das schon so lange ... Und ich denke, dass das von der Szene gewürdigt wird. Hinzu kommt, dass wir bemüht sind, der Szene auch etwas zurückzugeben, und nicht denken: Wir verkaufen Platten, und alles andere ist uns egal. Wenn wir zum Beispiel Shows veranstalten, wird das durchaus honoriert.

Woche für Woche erscheinen ja Unmengen von neuen Platten. Wie kommen Sie zu Ihrem Sortiment? Helfen Ihnen Vertreter bei der Auswahl?
Vertreter kann man haben, wenn man möchte, aber ich will die gar nicht. Nach so langer Zeit weiß ich, welche Platte ich in welcher Stückzahl für den Laden brauche, das muss ich mir nicht sagen lassen. Und wenn mir mal etwas durchflutscht oder ich nur ein Exemplar bestellt habe, das sofort weg ist, dann bestelle ich halt nach. Was die Vertreter empfehlen, sind nur die Sachen, die man eh auf dem Schirm hat.  Jedenfalls besteht meine Arbeit aus mehr als einfach nur zu sagen: „Wie viel haben wir von der letzten Editors verkauft? Von der neuen kaufen wir dann genau so viel.“ Man muss eben auch im Gefühl haben, ob die Editors mit dem Album enttäuscht haben, obwohl sie so viel verkauft haben. Ich gucke mir die Listen an und sage: Vier, fünf, zehn, 20 ... Völlig aus dem Bauch. Bei Limitierungen weißt Du: Davon verkaufst Du nicht direkt 20, aber innerhalb des nächsten halben Jahres 20 Stück, und wenn Du sie jetzt nicht bestellst, dann kriegst Du sie halt nicht mehr. Du musst sie jetzt kaufen, und dann bist Du irgendwann der Typ, über den es heißt: Hey, der hat die noch!

Was passiert eigentlich mit Platten, die sich trotz aller Erfahrung dann doch nicht wie erhofft verkaufen?
Du kannst nicht jede Platte zurückschicken. Du hast eine Quote, und die ist bei jedem Vertrieb anders. Es gibt zudem viele Releases, die limitiert und nicht retournierbar sind, mögen sie auch noch so schlecht sein.

 

„Man muss schon viel verkaufen, um auf einen vernünftigen Schnitt zu kommen.“

 

Was unverkäuflich herumsteht, ist letztlich totes Kapital.
Klar, wir haben hier einige Kisten totes Kapital unter den Regalen stehen. 

Und was macht man damit?
Nach und nach versuchen, es günstig zu verkaufen. Auf Dauer muss es halt weggehen. Die Margen sind gering. Man muss schon viel verkaufen, um auf einen vernünftigen Schnitt zu kommen. Wenn Du zehn Stück verkaufst und eine bleibt stehen und verkauft sich nicht, ist das schon ziemlich übel. Das ist schon wirklich knallhart, das Geschäft.

Was macht Ihren Laden so besonders, dass er trotzdem gut läuft?
Was ich immer als Lob höre, ist, dass wir mit der Neuware so detailliert aufgestellt sind. So ein Sortiment ist wirklich sehr selten. Leute von auswärts sind das überhaupt nicht  gewohnt. Manchmal kommen Kunden und sagen: „Ich war jetzt drei Jahre in Berlin, Mensch, ist das toll hier mit den Plattenläden in Köln!“ Unser Brian-Jonestown-Massacre-Fach ist größer als in anderen Läden die gesamte Indie-Abteilung. Damit man es sich leisten kann, so etwas überhaupt zu stocken, braucht man halt einen guten Kundenstamm, der sich auskennt. Allein mit dem Verkauf von Smashern kommst Du auch nicht hin.

Die richtig bekannten Sachen laufen doch bestimmt anderswo besser, oder?
Ja, bei großen Künstlern kippt es irgendwann. Die Leute, die in Plattenläden gehen, haben daran dann nicht mehr so ein Interesse. Mumford & Sons zum Beispiel –anscheinend verkaufen die ja noch viele Platten und gehen in die Lanxess Arena. Von ihrem letzten Album habe ich so drei, vier Exemplare verkauft. Von der ersten waren es über hundert.

Wie groß ist die Konkurrenz durch das Internet?
Leuten, denen es egal ist, wo sie bestellen, und einfach nur gucken, wo es ein oder zwei Euro günstiger ist, die kaufen halt bei Amazon. Wir versuchen hier, einen guten Job zu machen und den Laden gut sortiert zu haben. Wenn das nicht ausreichen würde, könnte ich auch nicht mehr machen. Wenn man versucht, immer der Günstigste zu sein, und an einem Exemplar nur ein, zwei Euro verdient, kommt man nicht gegen Amazon an. Du musst Deinen eigenen Weg gehen. Ich glaube, dass die Leute bereit sind, ein, zwei Euro mehr zu bezahlen, weil die einfach keinen Bock auf Amazon haben, die wollen hier im Laden stehen, etwas in der Hand halten und solche Läden unterstützen. Bei einigen Platten sind wir übrigens auch günstiger, wir haben auch welche, die es bei Amazon überhaupt nicht gibt – am Ende gleicht sich das aus. Wer regelmäßig bei uns kauft, gibt nicht unbedingt mehr Geld aus. 

Ist so ein Plattenladen ein Stammkundengeschäft?
Die Stammkundschaft trägt das Geschäft, und in den Sommermonaten kommen dann halt die Touris, weil Köln ein beliebtes Reiseziel ist. Das ist wirklich krass. Der August ist manchmal stärker als der Mai oder der April. Du hast zwar weniger Kunden, aber das spiegelt sich nicht im Umsatz wider. Die Leute kommen gezielt aus England, Belgien oder sonst woher und haben ein Budget in der Tasche, das sie ausgeben wollen.

 

„Beratung kommt nicht oft vor, muss man ehrlich sagen.“

 

Es heißt ja oft, dass der stationäre Handel eine besonders gute Beratung bieten müsse, um gegen die Online-Konkurrenz anzukommen. Verlangt Ihre Kundschaft tatsächlich danach?
Also, Beratung kommt nicht oft vor, muss man ehrlich sagen. Die Leute sind super informiert durch die Streaming-Dienste wie Spotify. Unsere Anhörstation bestand früher aus zwei Plattenspielern und zwei CD-Playern, und die Leute mussten warten, um ran zu kommen. Das passiert heute nicht mehr. Da gehen am Tag nur noch ein, zwei Leute ran. Manchmal gar keiner.

Ein weitere oft gehörte Empfehlung ist, man müsse in den Ladenlokalen „Einkaufserlebnisse“ kreieren.
Wenn wir ein neues Regal brauchen, wird das halt dahin geknallt. Man denkt dann noch vielleicht, hm, das muss ich mal streichen, aber irgendwie ist dann doch nichts gestrichen, sondern einfach nur zusammengebastelt, und genau das macht es halt aus. Man kann sich hier nicht umdrehen, ohne eine Plattenkiste zu sehen, in die man sofort reingreifen möchte. Es gibt bestimmt auch Leute, die das hier total furchtbar finden, total wirr, man muss durch die Sortierung ja auch erst einmal durchsteigen. Aber für mich gibt es nichts Schlimmeres als einen ganz sterilen Plattenladen. Der sieht vielleicht megastylish aus, aber da ist kein Leben drin. So etwas muss natürlich wachsen.

Denken Sie darüber nach, selbst einen Online-Shop zu eröffnen?
Nein. Dafür brauchte man ja auch wieder neues Personal. Und das reicht hier so mit dem Laden.

 

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