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„Aus der Masse herauszustechen ist die Kunst“

In den legendären EMI-Studios am Kölner Maarweg arbeiten heute die Autoren und Produzenten der Tinseltown Music Productions GmbH. Wir sprachen mit Inhaber Henrik Kersten über sein Geschäftsmodell, die Zukunft der Musikbranche, Shisha-Bar-Playlisten und die Hits von Unheilig und Pietro Lombardi.

Bitte erklären Sie Ihr Geschäftsmodell so, dass es auch jemand versteht, der von der Musikbranche keine Ahnung hat.
Ich bin ein so genannter produzierender Musikverlag mit angeschlossenen Tonstudios. Für mich arbeiten zwölf freiberufliche Komponisten und Texter, die in Form von Liedern Rechte generieren. Mit diesen Autoren habe ich Exklusiv-Verträge. Alles, was sie schreiben, ist automatisch bei mir im Musikverlag. Dort sind alle Rechte gebündelt. Wenn dann ein Song von uns im Radio gespielt wird, wenn er live gespielt wird, wenn er gestreamt wird, dann verdiene ich Geld. Anders als ein herkömmlicher Verleger stelle ich meinen Autoren allerdings auch die Infrastruktur zur Verfügung, in Form von acht Tonstudios. In jedem Studio sitzt ein Autor, und ich organisiere so genannte Songwriter-Meetings mit den Musikern, für die wir Songs schreiben.

Wie selbstständig arbeitet ein Autor bei Ihnen?
Der schaltet und waltet, wie er will, aber immer unter der Voraussetzung, dass ich da ein bisschen drüber gucke. Das ist ja letztlich das Besondere und Positive. Wenn man als Kreativer in seinem Kämmerlein sitzt und an einem neuen Song oder an einer Produktion arbeitet, passiert es oft, dass man irgendwann nicht mehr die Objektivität besitzt zu entscheiden, ob das jetzt gut genug ist, ob man eine andere Richtung einschlagen soll, ob verständlich ist, was der Song ausdrücken soll. Und dann höre ich mir das an und sage meine Meinung dazu. Dank unserer Infrastruktur ist es auch möglich, dass man einfach in das Studio nebenan geht und sich Rat von einem Kollegen holt. Vielleicht spielt der dann noch eine Gitarre ein, weil das dem Song guttut, oder er geht noch mal tiefer in den Text rein. Ich finde, dass wir schon sehr oft bewiesen haben, dass das ein guter Weg ist. Die Erfolgsquote gibt uns da Recht.

Wie kommen die Künstler und Ihr Team zusammen?
Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Talenten, die noch keiner kennt und von denen wir glauben, dass sie das Zeug zu einer Karriere haben. Das macht uns riesengroßen Spaß. Es kommt aber eben auch vor, dass zum Beispiel Universal Music bei mir anruft und sagt: „Wir haben hier Künstler XY, wir sind zwar mit dem Album fertig, aber uns fehlt noch der Hit. Schreibt doch bitte eine Single für uns.“

„Geboren, um zu leben’ ist bei uns im Studio entstanden“


Welche Hits hat Tinseltown denn vorzuweisen?

Das Erfolgreichste, was wir bislang gemacht haben, ist die Gruppe Unheilig. Ihr Hit „Geboren, um zu leben“ ist bei uns im Studio entstanden. Text und Musik kamen von dem Kopf der Gruppe, also vom „Graf“. Aber was den Sound angeht, das Soundgefüge, die Musikproduktion – das haben alles wir entwickelt. Wir haben auch für Roger Cicero zwei Alben geschrieben und produziert, für Stefanie Heinzmann „Diggin’ in the Dirt“ und für Pietro Lombardi unter anderem den Nummer-1-Hit „Phänomenal“. Wir schreiben für Kasalla, Mike Singer und Michelle. Außerdem hat einer meiner Autoren den Titel „80 Millionen“ von Max Giesinger mitkomponiert.

Damit verdient man wahrscheinlich recht gut ...
Man kann allerdings davon ausgehen, dass von zehn Songs, die man geschrieben hat, nur einer veröffentlicht wird. Und man darf nie vergessen: Der Autor und der Musikproduzent verdienen erst dann Geld, wenn das Ding tatsächlich veröffentlicht, im Radio gespielt oder live wiedergegeben wird. Vorher verdient man keinen Cent daran.

Der Künstler muss Sie nicht direkt für Ihre Arbeit bezahlen?
Wir vereinbaren mit dem Künstler im Vorfeld ein Beteiligungsmodell, das eben erst bei Veröffentlichung des Liedes greift. Das heißt, wir gehen mit unseren Räumlichkeiten und unserer Infrastruktur ins Risiko. Wenn wir an den Künstler glauben und der Kreativprozess uns weiterbringt und uns Spaß macht, dann ist das auch völlig in Ordnung so. Sollte der Song in der Version dieses Künstlers tatsächlich nicht veröffentlicht werden, gibt es – vorausgesetzt, der Künstler ist damit einverstanden – natürlich immer noch die Möglichkeit der Zweitverwertung. Ich würde also zu anderen Musikern gehen und ihnen den Song anbieten.

Das klingt alles so, als müssten Sie gut vernetzt sein.
Letztlich ist mein Unternehmen auf meinem Kontaktnetz aufgebaut. Ich habe Kontakte zu Plattenfirmen, zu Artist-und-Repertoire-Managern (A & R), zu Geschäftsführern von Plattenfirmen, zu Vertrieben, zu Radio- und Fernsehstationen, zu Leuten von Spotify, zu Musikmanagements, zu Künstlern, zu anderen Musikproduzenten, anderen Songwritern und so weiter.

„Ich wollte nie Karriere in einer Plattenfirma machen“


Wie kommt das?
Ich war selber Musiker und habe früher in Bands gespielt. Über die Musikproduktion bin ich dann zu Plattenfirmen gekommen und habe erst bei Bertelsmann und dann bei Sony Musik gearbeitet. Dort war ich A & R-Direktor und somit gemeinsam mit meinen Mitarbeitern das Bindeglied zwischen Künstlern, Produzenten und Managern auf der einen Seite und der Geschäftsführung, der Rechtsabteilung, den Promotern und den Vertrieben auf der anderen Seite. Wir waren Dreh- und Angelpunkt für die Karriere eines Künstlers, und das habe ich dann eins zu eins für mein eigenes Unternehmen übernommen.

Warum haben Sie eigentlich ein eigenes Unternehmen gegründet?
Ich wollte nie Karriere in einer Plattenfirma machen. Ich wollte auch nie Geschäftsführer werden. Je weiter man nach oben steigt, desto weniger hat man mit der Musik zu tun. Ich wollte aber immer nah an der Musik bleiben, also direkt mit den Künstlern arbeiten, an den Songs arbeiten, an der Musikproduktion. Daraus schöpfe ich Energie, und genau das habe ich mir mit meiner Firma 2002 dann ermöglicht.

Gegründet haben Sie die Firma in Berlin, 2004 sind Sie dann nach Köln gekommen und haben die ehemaligen EMI-Studios übernommen.
Ja, und damals haben alle gesagt: Seid Ihr wahnsinnig, was wollt Ihr denn mit diesen riesengroßen historischen Räumlichkeiten! Nun, für unsere Art zu arbeiten sind die Räume wichtig. Ich wurde damals auch gefragt, ob wir denn überhaupt schon Auftrage hätten. Natürlich hatten wir noch keine. Wir haben erst einmal angefangen, auf Vorrat Songs zu schreiben.

Und die kamen gut an.
Genau. Nun ist es ja nicht mehr so, dass man mit einer Kassette und einen Notenauszug zu einer Plattenfirma geht. Man braucht Demos, die so gut produziert sind, dass sie schon wie ein fertiges Produkt klingen. Irgendwann hat sich herumgesprochen, wie gut unsere Demos klingen. In Folge dessen wurden wir dann bald schon gefragt, ob wir auch Songs produzieren können. Natürlich konnten wir. So ist diese Mischung aus Auftragsproduktion, Songwriting und Musikberatung/Management entstanden. Und dafür sind die Räumlichkeiten megawichtig.

„Künstler können ihre Platten mehr oder weniger komplett zu Hause am Laptop produzieren“


Sie vermieten Ihre Studios aber nicht, oder?
Es ist nicht so, dass die Leute jetzt zu uns kommen und sagen: „Guten Tag, wir würden gerne für drei Tage ihr Studio buchen.“ Wir sind kein klassisches Vermietstudio. Das machen wir höchstens mal für befreundete Kollegen, zum Beispiel für die Leute von „Deutschland sucht den Superstar“. Die produzieren ja in Köln, und wenn sie bei uns die Vocals aufnehmen wollen, dann ermöglichen wir ihnen das. Normalerweise sind wir aber bei allem, was unter meinem Dach passiert, entweder an der Produktion oder am Songwriting beteiligt.

Sie erwähnten gerade auch Musikberatung und Management.
Ja, wir beraten die Mode-Firma Esprit in Musikfragen, also angefangen bei der Musik, die in deren Läden läuft, bis hin zur Musik für ihre Werbung. Wir erstellen Playlisten für sie, außerdem komponieren und produzieren wir Musik für verschiedene Veranstaltungen und Plattformen. Das machen wir jetzt schon über zehn Jahre.

Und das Management?
Durch die Digitalisierung können Künstler ihre Platten mehr oder weniger komplett zu Hause am Laptop produzieren. Die großen Studios, wie wir sie aus den 70er, 80er Jahren kennen, braucht man eigentlich gar nicht mehr, und die Produktionskosten sind deutlich gefallen. Darauf muss ich mich natürlich auch einstellen. Ich habe deshalb begonnen, mir mit dem Management von Künstlern wie der Kölner Band Klee ein weiteres Standbein aufzubauen. Mit dem Wissen, das ich mir über die Jahre angeeignet habe, kann ich ihnen eine Hilfe sein.

Haben physische Tonträger Ihrer Meinung nach eine Zukunft?
Es wird immer Liebhaber geben, die gerne CDs und LPs hören. Aber das wird nie mehr die große Masse sein. Die meisten hören Musik eher nebenbei mit dem Handy und streamen irgendwelche Playlisten, zum Beispiel die berühmtem Shisha-Bar-Playlisten, auf die jeder gerne will, weil die bundesweit viel Beachtung finden.

Shisha-Bar-Playlisten?
Ja, die bewegen sich stilistisch im Urban-Hip-Hop-Bereich. Wenn man auf so eine Playlist gekommen ist, dann generiert man automatisch Millionen Streams. Es auf so eine Playlist zu schaffen, das ist eigentlich die Hauptarbeit in der Musikbranche heutzutage.

„Dank YouTube und anderer Plattformen ist es für Künstler jetzt viel einfacher, sichtbar zu sein“


Verdient man als Künstler und Urheber denn wirklich Geld mit Spotify?
Spotify führt das Geld an die Majors ab, und der Major gibt nur ein Promille davon an den Künstler weiter. Jetzt kann man das weiter runterrechnen. Nach dem Künstler kommen der Songwriter und der Musikproduzent, die ja davon abhängig sind, dass die Musik veröffentlicht wird. Ihre Geschäftsbeziehung mit den Majors basiert allerdings auf Verträgen, die vor 20, 30 Jahren entwickelt worden sind, als das meiste Geld noch mit dem Verkauf von CDs und LPs verdient wurde. Die Haupteinnahmequellen sind mittlerweile aber eben Streamingdienste und Konzerte und Merchandise. Das bedeutet, dass ich als Musikproduzent und Songwriter an den Erlösen von Tonträgern beteiligt bin, die so gut wie keine Rolle mehr spielen, an den Haupteinnahmequellen aber nicht. Und das, obwohl es ohne den Song „Highway to Hell“ – ich nehme das als plakatives Beispiel – auch kein „Highway to Hell“-Playlist gäbe, keine „Highway to Hell“-Tour, keine „Highway to Hell“-T-Shirts, -Kappen, - Aufkleber und so weiter und so fort.

Wird sich an dieser Situation in absehbarer Zeit etwas ändern?
Es wird noch eine Zeit dauern, aber wir befinden uns schon mitten in dem Prozess dorthin. Die Urheberrechtsreform war das erste Signal. Und außerdem sind die Zeiten ja vorbei, als man unbedingt durch das Nadelöhr des Major-Vertriebs musste, um die Musik unter die Leute zu bringen. Heutzutage gibt es Plattformen wie Bandcamp und Patreon, auf der die Künstler selbst ihre Musik verkaufen. Es gibt ein Arsenal von Independent-Vertrieben, die einem Künstler ermöglichen, seine Musik bei Streaming-Diensten wie Spotify, iTunes und Amazon Music unterzubringen. Als ich mit Musik angefangen habe, war es auch undenkbar, ein eigenes Video zu drehen und das irgendwo hochzuladen. Dank YouTube und anderer Plattformen ist es für Künstler jetzt viel einfacher, sichtbar zu sein. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass es genau deswegen jetzt auch viel mehr Künstler gibt, die um die Aufmerksamkeit der Musikfans buhlen. Aus der Masse herauszustechen ist die Kunst. 

Kann das ohne Major Label gelingen?
Die deutschen Hip-Hopper haben es uns vorgemacht. Man kann den Leuten kritisch gegenüberstehen, was die Texte angeht. Aber: Sie haben es aus eigener Kraft geschafft, eine Revolution zu starten. Deutscher Hip-Hop war – ich würde sagen – zehn Jahre völlig von der Bildfläche verschwunden. Wenn man sich heute die Charts anguckt – von den ersten 50 sind, behaupte ich, 98 Prozent deutscher Hip-Hop. Und das ist alles ohne Major entstanden. Diese Infrastrukturen haben sie sich selber aufgebaut, und das bedeutet, sie verdienen dementsprechend auch das ganze Geld.

 

 

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