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Im Gespräch mit Petra Müller

Förderer, Partner, Impulsgeber: Die Film- und Medienstiftung NRW feiert ihr 25-jähriges Bestehen. Ein Interview mit Geschäftsführerin Petra Müller.

25 Jahre Film- und Medienstiftung NRW. Wie lautet Ihre Bilanz?

Vor 25 Jahren, also Anfang der 90er Jahre, begann man in NRW und vor allem auch Köln massiv in die damals jungen Medien- und Kommunikationsbranchen zu investieren, um den notwendigen Strukturwandel der Wirtschaft voranzutreiben. Der WDR saß schon seit 1956 hier, RTL war 1988 dazu gekommen, später Vox, SuperRTL, Phoenix, Viva. Ihnen folgten die Entertainment-Produzenten wie UFA, Sony, Endemol, ITV, Filmpool, Brainpool u.v.a.m. die den Standort prägen.

Es lag nahe, mit einer starken Filmstiftung die gesamte Bandbreite von der Kinoproduktion bis hin zu hochwertigen Fernsehfilmen zu fördern und damit gleichzeitig die Filmkultur und die Filmwirtschaft in Nordrhein-Westfalen zu stärken. Nach 25 Jahren kann man sagen, diese Strategie hat sich für NRW und vor allem Köln voll ausgezahlt.

Seit 1991 hat die Filmstiftung über 7.600 Projekte mit 762 Millionen Euro gefördert, davon 2.100 Filme mit insgesamt 642 Mio. Euro. unterstützt. Der Medienstandort NRW – und hier vor allem die Medienstadt Köln – profitiert wesentlich vom wirtschaftlichen Effekt der Förderung. Der schlägt nämlich mit mindestens 150-200 % der ausgegebenen Förderung zu Buche, und dann reden wir von etwa 1,5 Mrd. Euro, die in NRW – und größtenteils in Köln – reinvestiert werden konnten.

Wie erfolgreich war die Arbeit der Filmstiftung NRW in den vergangenen 25 Jahren?

Bereits der erste von NRW geförderte Film, „Schtonk“ von Helmut Dietl, erhielt eine Oscar-Nominierung. Es folgten weitere Oscar-Nominierungen u.a. für Wim Wenders‘ „Pina“, und zuletzt „Mustang“, der Debütfilm von Deniz Gamze Ergüven. Kate Winslet bekam einen Oscar für den u.a. hier gedrehten „Der Vorleser“, Studenten-Oscars, Goldene Palmen, Golden Globes und Goldene Löwen, 43 Grimme-Preise und die International Emmys für die TV-Miniserien „Die Manns“ oder für „Unsere Mütter, unsere Väter“ zählen zu den Glanzlichtern der Förderbilanz.

Schaut man in Richtung Besucherzahlen, dann ist „Der Schuh des Manitu“ mit fast 12 Mio. Besuchern der erfolgreichste deutsche Film der letzten Jahrzehnte und damit auch der erfolgreichste filmstiftungsgeförderte Film. Große Publikumserfolge waren zudem Wolfgang Beckers „Good Bye, Lenin!“, „Lola rennt“ und „Das Parfum“ von Tom Tykwer, Peter Thorwarths „Bang Boom Bang“, Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“, nicht zu vergessen Sandra Nettelbecks „Bella Martha“, vor allem aber auch Kinderfilme und Family Entertainment wie die Edelsteintrilogie oder „Die Vampirschwestern 1-3“.

Zu den Meilensteinen der Standortentwicklung, an denen die Filmstiftung maßgeblich beteiligt war, gehören ganz sicher die Gründungen der ifs internationale filmschule köln 2001 und die Gründung des Mediengründerzentrums NRW 2006. Beide feiern in diesem Jahr ebenfalls Jubiläum. Im engen Zusammenspiel von Filmstiftung, Filmschulen und Gründerberatung finden Nachwuchs und Mediengründer in NRW MGZ GmbH und speziell in Köln die denkbar besten Voraussetzungen für ihre Arbeit. Nicht zuletzt entsteht in Köln-Mülheim gerade ein lebendiger Film- und Mediencampus, der mit dem Cologne Game Lab der Technischen Hochschule Köln auch die Gamesbranche integriert.

Auf 25 Jahre betrachtet ist das in meinen Augen eine beeindruckende Bilanz. Aber ausruhen kann man sich darauf nicht, wenn man die rasanten Veränderungen der Medienbranche vor Augen hat.

Welche grundlegenden Veränderungen gab es in diesen 25 Jahren in der Medienlandschaft NRW, und wie hat die Filmstiftung darauf reagiert?

Die Einführung des Privatfernsehens ab dem Jahr 1984 markiert sicherlich die erste Gründerzeit der Medienbranche, insbesondere in Köln. Fernsehsender brauchen gutes Programm und tragen zudem Verantwortung, wenn es um das Entstehen von anspruchsvollen Kinofilmen geht. Nicht zuletzt deshalb gehören mit dem Land auch WDR, ZDF und RTL zu den Gesellschaftern der Filmstiftung NRW.

Köln gilt einerseits als Fernseh-Hauptstadt Deutschlands. Die riesige Nachfrage nach Entertainment und Show-Produktionen ist ihr Kerngeschäft und auch der MMC-Studios, die hierdurch ihre Hauptauslastung erhalten. In Ossendorf werden aber auch auf internationalem Niveau Kinofilme hergestellt. Hier hilft die Synergie zwischen Förderung und Produktion ganz besonders. Wenn in den MMC-Studios internationale Kinofilme gedreht werden, dann geschieht dies in aller Regel mit Förderung aus der Filmstiftung.

Die Veränderung, die die Medienlandschaft seit einigen Jahren von Grund auf transformiert, ist die Digitalisierung. Das gilt für die gesamte Produktion und Postproduktion, die Verbreitung und Nutzung von Filmen und Bewegtbild-Inhalten. Von der Digitalisierung waren insbesondere auch die Kinos betroffen. Wurden früher alle Filme auf Kopien angeliefert, ist das Abspiel heute nur noch digital möglich. Für diese Umrüstung mussten die Kinobesitzer zu Beginn pro Saal 70.000 Euro einplanen, das war für die meisten nicht zu stemmen. Das Land NRW kooperierte hier sehr früh mit der Filmstiftung, um den Kinos Mittel für die digitale Umrüstung zur Verfügung zu stellen. Durch diese Initiative war NRW das erste Bundesland, das im Jahr 2014 die Kinodigitalisierung für die NRW-Kinos abschließen konnte.

Eine weitere einschneidende Veränderung ist der Siegeszug von Internet und sozialen Netzwerken, die kontinuierlich unsere Kommunikation, unsere Wirtschaft, ja, unser Leben verändert haben – und eben auch die Medien und die Mediennutzung.

Die Digitalisierung verändert aber nicht nur die Art, wie bewegte Inhalte rezipiert werden, sondern auch die Inhalte selbst…

Richtig. Zu den erfolgreichsten Medienformaten gehören heute horizontal erzählte Serien, die auf Bezahl- und VOD-Plattformen wie z.B. Sky und TNT, Netflix oder Amazon angeboten werden. Videospiele werden auf Tablets und Smartphones gespielt, und YouTube hat inzwischen mit den Wevideos eigene Genres und die neuen Stars der Jugendkultur hervorgebracht. Wer einmal die gamescom oder die Videodays in der Lanxess-Arena besucht hat, weiß, wovon hier die Rede ist.

Wie stellt sich die Filmstiftung auf diese Veränderungen und Innovationen ein?

Auf diese Veränderungen hat die Filmstiftung mit ihrer Neuausrichtung frühzeitig reagiert. Ab 2011 haben wir Programme zur Entwicklungsförderung von Games, Apps und Web-Inhalten aufgelegt, sind 2012 in die Förderung von innovativen Serien und Formaten eingestiegen, haben 2013 gemeinsam mit Wim Wenders ein Entwicklungsstipendium für innovatives filmisches Erzählen aufgelegt und haben 2014 das europaweit erste Webvideo-Stipendium ausgelobt. 

Die Öffnung für die Förderung neuer Medien und innovativer Inhalte war insgesamt sehr wichtig für den Standort und seine junge digitale Szene. In der Gamesförderung können sich bereits die ersten Ergebnisse sehen lassen: Bekannt geworden, weil vielfach preisgekrönt, sind Lern-Spiele wie „Squirrel & Bär“, das Buchstaben-Spiel „Typoman“ oder die Kinder-App „Fiete“ mit dem kleinen Matrosen. Ohnehin ist NRW einer der führenden Gamesstandort Deutschlands. Mit der Gamescom ist Köln Sitz einer weltweit wichtigsten Messen, parallel finden jeden August zahlreiche Entwickler-Veranstaltungen statt, und die Verleihung des Deutschen Entwicklerpreises im Dezember gilt als „Weihnachtsfeier“ der Szene.

Was tun Sie konkret im Bereich der Serienförderung?

Qua Leitlinien kann die Filmstiftung schon immer hochwertige Fernsehproduktionen und ambitionierte Serien fördern. Von „Die Manns“ und „Unsere Mütter, unsere Väter“ war bereits die Rede. Mit „Weinberg“ hat sie als erster Förderer die Produktion einer horizontal erzählte Serie unterstützt, realisiert von der Kölner Bantry Bay, die gleich mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Ebenso förderte die Filmstiftung die Ausnahmeproduktion „Babylon Berlin", die bald hier gedreht wird, und u.a. die Entwicklung einer internationalen „Bauhaus"-Serie. Durch das serielle Entwicklungsprogramm erhalten Kreative und Produzenten den Freiraum, ihre Ideen auszuarbeiten, bevor sie damit an Sender oder Plattformen herantreten. 

Welche Bedeutung haben die Multichannel-Networks (MCN) und die YouTuber für den Standort?

Im Bereich MCNs und Web-Kreateure hat sich Köln zu einer der deutschen Hochburgen entwickelt. Das hat die Filmstiftung mit ihren Aktivitäten und ihrer Förderung sichtbar gemacht. Filmstiftungsgefördert hat sich der Webvideopreis Deutschland in wenigen Jahren zur maßgeblichen Auszeichnung für Webvideos und Online-Content entwickelt. Für die Youtube-Szene und deren wachsende Bedeutung für NRW hat die Filmstiftung gemeinsam mit der Europäischen Web Video Academy das erste europäische Webvideo-Stipendium ausgeschrieben. 

Generell versteht sich die Film- und Medienstiftung NRW als Förderer, Partner und Impulsgeber. So gehört es auch zu ihren Aufgaben, die Veränderungen der Medienlandschaft kontinuierlich zu beobachten und aktuelle Entwicklungen in Veranstaltungen, wie dem Film- und Kinokongress oder auch dem Medienforum NRW, für und mit den Branchen zu diskutieren. 

Welche zukünftigen Entwicklungen in der Film- und Medienlandschaft erwarten Sie, und welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Wie gesagt: Produktion, Verbreitung und Nutzung von Film, Fernsehen und anderer Medieninhalten werden sich mit der fortschreitenden Digitalisierung weiter verändern, individualisieren und internationalisieren. Wir werden uns verstärkt mit neuen Produktionstechnologien, 3D und Virtual Reality, neuen Online-Inhalten und -Angeboten befassen. Non-lineare Nutzung und On-Demand-Angebote werden zunehmen und die Grenzen zwischen Kino, TV und Online verschwimmen lassen, der Wettbewerb der Marktteilnehmer wird sich insgesamt verschärfen. Bereits der Einstieg von Netflix in den deutschen und europäischen Fernsehmarkt hat viel Bewegung ausgelöst und dazu geführt, dass klassische TV-Anbieter derzeit verstärkt in ambitionierte Projekte und internationale Koproduktionen eingestiegen sind.

Ein Haus wie die Film- und Medienstiftung ist Bestandteil dieser stetig sich wandelnden Bewegtbild-Branche. Im Sinne einer zukunftsfähigen Standortentwicklung muss sie Veränderungen aufnehmen und verstehen, um Produzenten und Medienbranche begleiten zu können und spannende Projekte und Talente an NRW zu binden. Unsere Förderleitlinien erlauben uns eine gewisse Flexibilität, auf Entwicklungen zu reagieren, wie z.B. mit den beschriebenen Förderprogrammen, die insbesondere die jungen Kreativen unterstützen. Diesen Kurs wollen wir beibehalten. Allerdings immer, ohne die Hauptaufgabe der klassischen Förderung zu vernachlässigen. 

Was entgegnen Sie den Kritikern der Filmförderung? Die Vorwurfspalette reicht ja von „Filmförderung ruiniert Kunst“ über „Es werden zu viele kommerzielle Filme bezuschusst“ bis hin zu „Es werden zu viele Filme für die Nische bezuschusst“.

Kritik ist immer wichtig und zu allen diesen Aspekten gibt es Vieles zu sagen, weil sie alle aus ihrer jeweiligen Perspektive durchaus berechtigt sein mögen. An diesen Aussagen ist aber auch abzulesen, dass sie je nach Interessenlage in diametral entgegen gesetzte Richtungen zielen. Aus Sicht der Förderung ist dazu zu sagen, dass es in Deutschland eigentlich keinen Kinofilm ohne Förderung gibt, und übrigens auch nicht ohne die Beteiligung der Fernsehsender. Dabei steht außer Frage, dass das Fördersystem als solches einer Neuordnung bedarf, mit einer nachvollziehbaren Aufgabenteilung zwischen den Institutionen. Derzeit fördern alle Institutionen alle Arten von Filmen, und die Ausdifferenzierung der Förderinstrumente ist weiter gewachsen. Das ist keine gute Entwicklung. Und last but not least: Filme können Kunst sein, Filme können kommerziell erfolgreich sein. Wenn beides, Kunst und Unterhaltung, zusammengeht, ist das für das Kino das bestmögliche Ergebnis. Vielleicht ist gerade das im Fall von Maren Ades „Toni Erdmann“ zu beobachten, der in Cannes für Furore gesorgt hat, und sich sofort an die Spitze der deutschen Arthouse-Charts gesetzt hat.

Mitunter kann man sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass „Förderbashing“ wie auch „Fernsehbashing“ heutzutage fast zum guten Ton gehört. Befragt nach internationalen Zukunftsplänen sagte Maren Ade kürzlich in der Rheinischen Post, dass sie weiterhin in Deutschland arbeiten wolle. Sie brauche ihr Land, ihre Sprache und auch eine Förderung, die ihr die Freiheit gibt, ihre Filme so zu machen, wie sie es für richtig hält.

 

Weitere Informationen: www.filmstiftung.de

 

Stand: August 2016