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„Es geht nicht um Krawall und Remmidemmi“

Die Kölner Clubszene ist ein relevanter Wirtschaftsfaktor – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die vom Verband Klubkomm beauftragt und vom Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln erstellt wurde. IHK Köln und das Kulturamt der Stadt Köln beteiligten sich an der Finanzierung. Wir sprachen mit Martin Steuer, verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Klubkomm – Verband Kölner Clubs und Veranstalter.

 

Warum war die Studie notwendig?

Als Klubkomm konnten wir in den letzten Jahren immer wieder feststellen, dass seitens der Stadt zwar Wohlwollen vorhanden war, die Club- und Livemusikszene als Teil des Kultursegments anzusehen und zu unterstützen – das hat das Amt für Popkultur in der Vergangenheit ja auch regelmäßig getan. Wenn es aber darum ging, das Interesse für die Belange unserer Mitglieder nicht nur bei den bekannten Akteuren zu wecken und die brennenden Themen auf den Tisch zu bringen, stießen wir schnell an Grenzen. Dazu zählten Unstimmigkeiten mit dem Ordnungs- und Bauamt über Konzessionen und Ärger mit Genehmigungsbehörden, Probleme mit dem Nichtraucherschutzgesetz und natürlich städtebauliche Maßnahmen, wo es um Substanzerhalt und Standortsicherung geht. Der Versuch, diese Themen an den zuständigen Adressaten zu richten und Lösungen zu finden, die auch uns als agiler Szene etwas bringen, lief oft ins Leere. Die Frage, wer wir denn überhaupt sind, schwang da immer mit. Aus einer solchen Problematik heraus wuchs die Idee, endlich mal Daten zu sammeln aus dieser großen Kölner Szene der Clubs und Veranstalter, um konkret Zahlen an der Hand zu haben, die untermauern, wie wichtig diese Szene als Kultur- aber auch Wirtschaftsfaktor ist.

Was sind die aus Ihrer Sicht wichtigsten Erkenntnisse?

Schon die von Studienleiter Heiko Rühl vorgenommene Einordnung der Studie und Projektskizze zeigt, wie ernst man diese oft belächelte Szene nehmen sollte. Schließlich brachte die Recherche schon 220 kulturrelevante Akteure hervor. Von den 212 Befragten haben dann sensationelle 156 die Befragung begonnen und weit über 50 Prozent in Gänze beendet. Das sind gerade im Vergleich mit ähnlich angelegten Studien tolle Werte, die eben auch verdeutlichen, wie diese Szene gehört werden möchte. Das sind ja lauter Menschen, die einer kulturell ausgeprägten Berufung nachgehen und ganz viel bewegen. Wir reden hier nicht über Nerds oder eine Nischengruppe. Das machten dann erst recht diese geballten Werte deutlich: In Summe über 8.000 kulturrelevante Live-Musikveranstaltungen ziehen jährlich knapp vier Millionen Besucher an und setzen 55 Millionen Euro im Jahr um. Und das gilt nur für die Befragten. Schon krass.

Haben Sie Ergebnisse überrascht?

Wir haben schon damit gerechnet, dass die Zahlen am Ende für uns sprechen – aber so geballt klang es auch für uns toll. Verwundert waren wir über die Einschätzung der Clubbetreiber, dass nur sieben Prozent der Gäste einen Anfahrtsweg von über 100 Kilometern haben. Das war sicherlich vor noch rund zehn Jahren mal anders in Köln – und sollte auch wieder besser werden. Die Szene muss sich schließlich nicht verstecken, auch wenn uns klar ist, dass wir nicht Berlin sind – aber für ein intensives Clubhopping sind wir als Stadt zum Beispiel wegen der kürzeren Wege viel besser geeignet. Insofern wäre es ja schön, wieder mehr Musikverrückte aus anderen Städten nach Köln zu locken, auch wenn wir natürlich keinen entfesselten Partytourismus hervorrufen möchten. Die von den Akteuren aufgezeigten Problemfelder kannten wir natürlich aus persönlichen Gesprächen oder eigener Erfahrung. Da waren wir – leider – nicht überrascht.

Welche Konsequenzen sollte die Studie haben?

Konsequenzen klingt so hart. Wir wollen ja nicht kriegerisch rangehen, sondern Verständnis ernten. Wir möchten nicht als unruhestiftende Nachtetablissements gesehen werden, sondern als Szene, die einen relevanten Teil der Kölner Kultur ausmacht, nämlich den der Popkultur. Deshalb haben wir uns bei der Befragung zum einen auf die Live-Szene konzentriert und im „Party“-Bereich dort gefragt, wo vor allem „künstlerische DJs“ das Programm bestimmen. Dazu gehören ja auch weltweite Stars, die in einen Club gebucht werden und für die extra Leute anreisen, um sie als DJs zu erleben. Es geht nicht um Krawall und Remmidemmi, und es wäre schön, dass wir als solche Szene eben auch wahrgenommen werden und wir dementsprechend weder bei verwalterischen Maßnahmen vergessen werden, noch wenn es darum geht, Fördergelder zu verteilen. Und es muss sich in der Wahrnehmung nach außen hin auch etwas ändern. Das war in den Handlungsempfehlungen schon eine konkrete Forderung an Kölntourismus: Bitte lasst doch Köln nicht immer nur Kölsch, Karneval und FC sein, sondern denkt an unsere gewachsene Festivalkultur, die Popmusik samt ihrer zahlreichen Clubs und Events, die in Köln Popmusik nach wie vor relevant sein lassen.

Hat sich seit der Veröffentlichung diesbezüglich schon etwas getan? 

Sehr schnell nach der Vorstellung der Studie kam die Marketing-Abteilung von Kölntourismus auf uns zu, die ja derzeit unter #urbancgn am Image der Stadt hinsichtlich einer jüngeren Zielgruppe arbeitet. Hier haben erste Gespräche stattgefunden und werden nun Arbeitsgruppen gebildet, was sehr erfreulich ist. Richtung Ordnungsamt und Baubehörde sind die Fühler ausgestreckt, wichtige Gespräche erneut aufzugreifen. Zudem sind Fraktionen und Bezirksvertreter auf uns zugekommen und suchen das Gespräch, da passiert gerade erfreulich viel. Und die Wahrnehmung der Klubkomm als Interessenverband wuchs durch die Berichterstattung in den Medien, auch das ist natürlich wichtig für uns. Dass diese Szene als ein relevanter Wirtschaftsfaktor für die Stadt Köln gelten sollte, scheint nun in weitaus mehr Köpfen verankert zu sein. Das allein ist schon ein großer Erfolg der Studie, auf dem wir uns natürlich nicht ausruhen werden.

Die Studie in der Kurzversion: www.klubkomm.de_Kurz

Und in der Langversion: www.klubkomm.de_Lang

 

Stand: Oktober 2016