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Der Kölner Stadtgarten hat ehrgeizige Pläne

Im 30. Jahr seines Bestehens ist der Stadtgarten bei der Verleihung des Spielstättenpreises „Applaus“ zur Spielstätte des Jahres gekürt worden. Ab 2017 wird er als „Europäisches Zentrum für Jazz und aktuelle Musik“ kontinuierlich öffentlich gefördert werden. Anlass genug, sich mit Programmchef Reiner Michalke zu unterhalten.

 

Der Stadtgarten hat zum insgesamt vierten Mal einen Spielstättenpreis bekommen, dieses Mal sogar als Spielstätte des Jahres. Was bedeutet das für Sie?

Der Preis ist für uns wichtig, weil er darauf hinweist, dass in den Spielstätten für Jazz, Pop und Rock sehr viel passiert, was in der gesellschaftlichen Diskussion gar nicht richtig wahrgenommen wird.

 

Warum wird es Ihrer Meinung nach von öffentlicher Seite nicht richtig wahrgenommen?

Weil es in der Regel nicht subventioniert wird, sondern einfach so aus sich heraus entsteht, und das oft in kleinen Nischen. Ein Verdienst des Preises ist, dass die Bundesregierung und in der Folge auch die Landesregierungen und Kommunen zum ersten Mal darauf aufmerksam geworden sind, dass ihre Städte interessante Orte haben, die viel mehr Beachtung verdienen. Wir glauben zu spüren, dass der Preis immer bekannter wird und immer mehr Aufmerksamkeit generiert. Städte beginnen, eine Art Ehrgeiz zu entwickeln, und verzeichnen genau, wie viele prämierte Spielstätten sie in ihren Mauern haben. Insofern ist die Vergabe dieses Preises eine sehr gute kulturpolitische Maßnahme. Wir haben uns über die Bundeskonferenz Jazz übrigens sehr darum bemüht, dass es diesen Preis gibt.

 

2017 werden sie vom Land NRW und von der Stadt Köln jeweils 200.000 Euro bekommen, ab 2018 sind es dann jeweils 300.000 Euro. Sie können dadurch das Konzept umsetzen, den Stadtgarten zum Europäischen Zentrum für Jazz und aktuelle Musik zu entwickeln.

Es war schon die Gründungsidee des Stadtgartens, mit einer Basisfinanzausstattung  langfristige Projekte anzugehen. Das konnten wir aber nicht realisieren, weil das Geld immer woanders hingegangen ist.

 

Jetzt bekommen Sie das Geld. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Das hat relativ viele Konsequenzen. Wir sind aber in der glücklichen Lage, das nicht ruckartig machen zu müssen, sondern die Möglichkeit einer prozesshaften Entwicklung zu haben. Wir wollen in ganz vielen Bereichen das nachholen, was wir 30 Jahre lang nicht machen konnten. Das Problem wird sein, dass das Geld dafür vorne und hinten nicht reicht. Da hat sich eine Riesenwunschliste aufgetürmt. Es wird jetzt darum gehen, Prioritäten zu setzen und zu klären, womit wir anfangen.

 

Wonach sieht es denn derzeit aus?

Wir werden – und das klingt jetzt komisch – erst einmal Veranstaltungen reduzieren. Bestimmte Dinge haben wir bisher in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen gemacht, das können wir jetzt zurückfahren. Ziel ist es, den Veranstaltungen, die wir aus rein programmatischen Gründen machen, mehr Raum zu geben, sie im Programm sichtbarer zu machen und das Profil des Stadtgartens dadurch zu schärfen. Die Leute sollen auch mal Konzerte von Künstlern besuchen, die sie noch nicht kennen – einfach weil sie wissen, dass der Name Stadtgarten für eine bestimmte Qualität steht.

 

Der Stadtgarten wird aber auch ein Ort bleiben, an dem beispielsweise Indie-Bands und Singer/Songwriter auftreten?

Im Zentrum steht natürlich der Jazz, aber aktuelle Musik heißt auch Folk, Singer/Songwriter, Pop ... Es gibt nur gute und schlechte Musik. Im Stadtgarten wollen wir nur die gute haben.

 

Durch eine qualitätsgetriebene Auswahl das Profil zu schärfen ist das eine. Das andere ist, das Profil durch neue Formate zu schärfen. Was können Sie dank der Förderung machen, was Sie vorher nicht konnten?

Wir haben ja auch schon  in den vergangenen sieben, acht Jahren einen Zuschuss von 80.000 Euro bekommen und dazu Projektmittel, die wir jeweils beantragen mussten. Wir waren also nicht ganz ohne öffentliche Mittel, doch diese wurden mit einer kurzfristigen Perspektive vergeben. Wir hatten nie ein Budget, das uns eine langfristige Planung erlaubt hätte. Wir mussten immer schauen, wer gerade auf Tour war und ob ein Konzert terminlich bei uns reinpassen würde. Jetzt haben wir eins, können eine Jahresplanung machen und im Hinterkopf schon einmal überlegen, was wir uns für die Folgejahren vorstellen können. Das ist eine ganz neue Situation.

 

Was bedeutet das konkret?

Wir sind jetzt in der Lage, aktiv Musiker zu uns einzuladen, und das auch im Verbund mit europäischen Spielstätten, die ähnlich wie wir agieren. Wenn ich bislang gefragt wurde, hast Du Lust im Jahr 2017 dieses oder jenes Projekt zu machen, konnte ich nur sagen: Sorry, fragt mich einen Monat vorher, ob ich Geld übrig und einen Termin frei habe. Außerdem können wir jetzt auch selbst Dinge angehen – zum Beispiel den Austausch von Musikern. Musiker aus Köln spielen in anderen Städten und umgekehrt. Wir werden gemeinsam internationale Produktionen einladen und auf Tournee schicken. Da sind Konstellationen von Musikern vorstellbar, die für eine Spielstätte allein zu teuer wären. Aber wenn man das zu sechst oder siebt macht und die Kosten teilt, dann funktioniert das. Wien und Amsterdam sind die ersten Partner, mit denen wir 2017 intensiver zusammenarbeiten werden.

 

Was dürfen wir noch erwarten?

Wir veranstalten ja Reihen, die von Kuratoren gestaltet werden – das wollen wir ausbauen und die Kuratoren auch mit einer längeren Perspektive ausstatten, als es ohne Budget möglich war. Sie werden also verbindlich über längere Zyklen planen können. Wir streben zudem Residenzen an, das heißt, wir laden Musikerinnen und Musiker ein, nicht nur einen Tag oder zwei bei uns zu bleiben, sondern ein oder zwei Wochen. Sie können dann in verschiedenen Konstellationen etwas erarbeiten, Workshops und Lectures an der Musikhochschule geben und die Stadt mal ganz anders kennenlernen –und unsere Zuschauer sie. Letztlich wollen wir, dass Leute nicht nur aus der Region zu unseren Konzerten kommen, sondern auch längere Wege in Kauf nehmen, weil hier Dinge passieren, die nur hier passieren. Beziehungsweise die so exklusiv sind, dass sich auch eine weitere Anreise lohnt.

 

Das klingt alles sehr ehrgeizig.

Wir sind jetzt da angekommen, wo wir immer hin wollten: Wir haben zum ersten Mal ein öffentliches Mandat. Jetzt müssen wir uns auch beweisen. Außerdem können wir zum ersten Mal richtig darüber nachdenken, wie wir einen guten Übergang in die nächste Generation vorbereiten.  Bislang konnte ich meinen Job niemandem anbieten, weil ich hier immer umsonst gearbeitet habe. Ein Job, für den man nichts bekommt, ist relativ schwer vermittelbar. Der feste Zuschuss versetzt uns in die Lage, Leute heranzuziehen, die hier eines Tages die Verantwortung übernehmen werden, und das absehbar. Wir sind jetzt alle in einem Alter, in dem wir darüber nachdenken, wie lange wir das noch machen wollen. Und wenn wir unseren Nachfolgern dann das Haus übergeben werden, soll das eine Institution sein, die sehr gut aufgestellt ist und eine Grundausstattung hat, mit der man arbeiten kann.

 

Weitere Informationen: www.stadtgarten.de

 

Stand: November 2016