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Im Gespräch mit Ekkehart Gerlach

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Ekkehart Gerlach vor Mikrofon in Profilansicht

Wie kam es zur Gründung der deutschen ict- + medienakademie?

Wolfgang Clement und ich standen 1999 bei einer Konferenz nebeneinander, hörten den Internetauguren der damaligen Zeit zu und fanden es bedrückend, wie Führungskräfte damals mit diesem Thema umgingen. Irgendwann sagte er zu mir: „Ist es eigentlich gottgegeben, dass wir hierzulande immer so weit hinterher sind?“ Ich fand die Diagnose gut, zweifelte aber, ob es eine Therapie geben könnte. 

Und dann? 

Ich war damals bei O.tel.o, und Wolfgang Clement sagte: „Ihr Laden fliegt ja sowieso gerade auseinander, warum versuchen Sie nicht, Ihre 30 Jahre High-Tech-Knowhow weiterzugeben? Ich melde mich in zwei Wochen bei Ihnen.“ Und so kam es dann auch. 

Inwieweit hat sich das Themenspektrum seit damals verändert?  

Die Geschwindigkeit, mit der die Digitalisierung vonstatten geht, kann man bei einem flüchtigen Blick auf unsere Jahresprogramme gar nicht so richtig erkennen. Erstaunlicher Weise galten viele Themen, um die wir uns nach wie vor kümmern und die heute als Hype gelten, auch schon vor vielen Jahren als zukunftsträchtig. Big-Data-Veranstaltungen zum Beispiel machen wir seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts. Das Thema Future Internet beschäftigt uns auch schon seit 15 Jahren. Oder nehmen wir mal etwas ganz Praktisches, das so genannte Smart Home. Früher hieß das „E-Home“. Ist bestimmt auch schon 20 Jahre alt, das Thema. 

War von Angang an klar, dass Sie sich in der Akademie auf Führungskräfte konzentrieren? 

Am Anfang haben wir viel diskutiert, ob man eigentlich nicht im Kindergarten anfangen müsste oder in der Schule. Mein Standpunkt war: Das ist im Zweifel richtig, aber auch wieder nicht. 

Warum nicht richtig? 

Ich fand es fraglich, ob wir wirklich 50 Jahre warten können, bis unsere Zielgruppe in die Entscheider-Positionen vorgerückt ist. Wenn man hingegen die aktuellen Führungskräfte mit relevantem Wissen ausstattet, sie ausgewogen und hintergründig informiert und sie gleichermaßen auf die Pros und Cons neuer Technologien hinweist, dann wären sie in der Lage, hier und jetzt bessere Entscheidungen zu treffen. Den Weg sind wir dann gegangen, und zwar erfolgreich.  
 

„Es gibt unendliche viele Möglichkeiten, umsonst Geld auszugeben“ 

 

Viele waren ja damals regelrecht euphorisch, wenn es ums Internet ging ... 

Ich war schon immer ein Mensch, der gesagt hat: Wo ein Pro ist, ist auch ein Con um die Ecke, und das muss man erst mal betrachten und anschließend abwägen, ob die möglichen Vorteile schwerer wiegen als die Gegenargumente. Diese Notwendigkeit ist in den vergangenen 20 Jahren noch einmal viel, viel größer geworden, denn es gibt mittlerweile einfach unendlich viele Möglichkeiten, sich in Haken und Ösen zu verfangen und viel Geld umsonst auszugeben. Früher musste man eigentlich nur so etwas wie eine E-Commerce-Plattform aufbauen, das war Easy Going in den ersten Jahren. Heute haben wir ganz andere Herausforderungen. 

Ich nehme an, dass die Führungskräfte heute aber auch mehr Wissen mitbringen ... 

Mittlerweile kann jeder mit den Basics umgehen, aber es entstehen auch viele Missverständnisse. Wenn jemand gut mit einem Smartphone umgehen kann, heißt es ja noch nicht, dass er in Sachen Digitalisierung das richtige Rüstzeug für unternehmerische Entscheidungen und zukünftige Herausforderungen hat. Nehmen wir doch nur mal das Thema KI. Ich gehe davon aus, dass die KI in ihrer jetzigen, also schwachen Form, zukünftig überall um uns herum sein wird. Problematisch wird es, wenn man über deutlich stärkere Algorithmen und neuronale Netze und Ähnliches nachdenkt. Und damit hat man noch gar nicht richtig angefangen. 

Welche weiteren Herausforderungen gibt es?  

Das Thema Future Internet wird uns, glaube ich, in Zukunft noch mehr beschäftigen. So um 2008 herum haben die Top-Experten der Nation zu diesem Thema gesagt, dass das Internet in seiner jetzigen Form nicht überlebensfähig sei und man es neu bauen müsste. Nun, das Internet erwies sich als viel widerstandsfähiger, als sie sich das vorgestellt haben, es lebt immer noch, aber die Diskussion kommt wieder hoch, zum Beispiel im Hinblick auf Security-Themen. Wir haben dieses Jahr sogar eine Roadshow dazu, sieben Veranstaltungen an sieben verschiedenen Orten. Das kostet zwar Geld, ist aber wichtig, weil wir gemerkt haben, dass viele Führungskräften das Thema offenbar nicht im Blick haben. 

Worauf sind Sie im Rückblick besonders stolz?

Wenn ich auf unsere kleinen Experten-Roundtables schaue, dann beschleicht mich immer wieder das Gefühl, dass das alles nur klein-klein ist. Man schaut dann neidvoll auf Großveranstaltungen, bei denen ein angesagter Euphoriker von einem hohen Podium herab und von vielen farbigen Scheinwerfern ausgeleuchtet – ja, Show ist wichtig – quasi ex cathedra Hunderte von Menschen an seinem offensichtlichen Vorsprungswissen teilhaben lässt. Aber dann rufe ich mir in Erinnerung, dass wir seit 20 Jahren durchschnittlich 30 diskussions-intensive Experten-Roundtables pro Jahr mit durchschnittlich 40 Teilnehmern durchgeführt haben, dann sind das auch locker 20.000 bis 25.000 Führungskräfte gewesen, die mit uns zusammen versucht haben, die besten Informationen zu den relevanten Themen zusammenzutragen und zu hinterfragen, um selbst bessere und schnellere Entscheidungen auf äußerst komplexen Gebieten treffen zu können. Und da bin ich schon ein bisschen stolz … 

Ich nehme an, Sie werden das 20-jährige Bestehen der deutschen ict- und medienakademie angemessen feiern. 

Eigentlich sollte die Veranstaltung bereits im März stattfinden, aber wegen der Corona-Pandemie haben wir sie auf den 1. Oktober 2020 verschoben. Zugesagt haben bereits unter anderem Prof. Dr. Andreas Pinkwart, NRW-Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie, Vodafone-Geschäftsführerin Anna Dimitrova und Prof. Stefan Wrobel, der Leiter des Fraunhofer Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS und einer der kundigsten Big Data- und KI-Experten hierzulande ist. 

Sie feiern im MediaPark? 

Ja, Medienakademie und MediaPark – das passt ja irgendwie. Da fällt mir gerade ein: Ich hatte mal meinen alten Chef Heinz Dürr, den Ex-AEG- und Ex-Bahn-Chef, für ein Private Coaching nach Köln eingeladen. Als er am Taxistand am MediaPark aus dem Wagen stieg, guckte er sich um und meinte: „Boah, was ist das denn hier? Das haben wir ja nicht mal in Stuttgart!“

Spricht ja für den Medienstandort Köln. 

Ja. Wichtiger ist allerdings, dass es der Region Köln zu jedem einzelnen Hauptpflock der Digitalisierung Unternehmen und Experten gibt. Das ist wirklich nicht überall so in Deutschland.